Minnie Evans’ verlorene Welt


Das Whitney Museum in New York zeigt “Minnie Evans: The Lost World” 

von Andreas Robertz

Minnie Evans' verlorene Welt
Minnie Evans, Untitled (Paisley Design),
ca. 1950s, High Museum of Art, Atlanta,


Die afroamerikanische Malerin Minnie Evans lebte von 1892 bis 1987 in North Carolina. Die Autodidaktin zeichnete und malte Hunderte von Bildern in komplexen kaleidoskopischen Kompositionen, die an buddhistische Mandalas erinnern. Eine Solo-Ausstellung am Whitney Museum in New York 1975 machte die Künstlerin als eine der ersten schwarzen Künstlerinnen landesweit bekannt. Damals galt sie als eine Entdeckung und Kritiker beschrieben ihre Kunst begeistert als ”erfrischend authentisch” und “naiv-surrealistisch” – Bewertungen, die heute eher einen schalen Geschmack hinterlassen. Eine Wanderausstellung mit dem Titel “Minnie Evans: The Lost World”, die im Winter in Atlanta startete und nun ihren Zielort, das Whitney in New York erreicht, soll einen neuen Blick auf die ungewöhnliche Künstlerin werfen. 

Originalbeitrag

Es begann mit zwei kleinen Zeichnungen, jede nicht viel grösser als ein Bierdeckel, die Minnie Evans 1935 auf Pappe kritzelte, gedankenverloren und in Trauer um ihre Grossmutter, die sie aufgezogen hatte. Sie betitelte sie “My very First” und “My Second”. Viele ihrer späteren Motive seien hier bereits erkennbar, erklärt Kuratorin Barbara Haskell: Regenbögen, Wirbel, Wellen, Muster und Zeichen, die an Hieroglyphen erinnern, 

Minnie Evans, Untitled (Turnaround
Picture with Pincher Forms), 1946.

Die Figuren und sich wiederholenden dekorativen Motive sind sehr eindringlich, – es wirkt fast schon obsessiv. Da ist ein Boot, eine Familiengeschichte, die sie oft erzählt hat, von ihrer Vorfahrin mütterlicherseits aus Trinidad, die versklavt worden war, dann über den Ozean verschleppt wurde und schließlich in Amerika ankam, nachdem sie ihren Ehemann und alle Kinder bis auf eines verloren hatte.

Als die beiden Zeichnungen ihr fünf Jahre später wieder in die Hände fallen, sieht Minnie Evans darin ein göttliches Zeichen, mit dem Malen anzufangen. Sie war damals bereits vierzig Jahre alt und arbeitete als Haushälterin in der Villa eines ehemaligen Plantagenbesitzers. Hier fängt sie an, ihr eigenes künstlerisches Vokabular zu entwickeln. Es entstehen ihre Mandala ähnlichen Kompositionen, die oft ein Gesicht, ein Tier oder ein Augenpaar im Zentrum haben und deren Muster dann symmetrisch nach Aussen streben. Sie selbst spricht von Visionen, die sie zu ihren Bildern drängen. Familie und Freunde sind eher skeptisch. 1944 bringt sie ihre Bilder zu einer Wahrsagerin, ein ausschlaggebendes Erlebnis, sagt Kuratorin Barbara Haskell, dass sie sehr bestärkt habe. 

“Zeichne oder Stirb”

Die Wahrsagerin sagte ihr, sie müsse ein Gemälde über die Invasion Europas malen, sonst würde diese nicht stattfinden. Daraufhin beschreibt Minnie Evans so etwas wie eine dreiteilige Vision. Gott erscheint ihr und bei seinem dritten Besuch sagte er: „Zeichne oder stirb“ Sie malte das Bild und die Invasion fand einige Tage später tatsächlich statt. 

Gemeint war die Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Ihr eindringliches Bild ist von dunklen, düsteren Farben geprägt, mit Flugzeugen und Bomben über einem Flussdelta, das an die Landschaft ihrer Heimatstadt Wilmington erinnert. An mehreren Stellen kann man Halden von weissen Schädeln ausmachen. 

Mandalas und Engel

Die Ausstellung ist chronologisch geordnet, von Minnie Evans ersten beiden Zeichnungen und ersten Bilder zu ihren immer grösser werdenden Mandalas und farbenprächtigen Collagen. 

Ihre späten Werke sind so interessant – die Art, wie sie frühere Stücke nimmt, sie ausschneidet und dann flächendeckende Muster daraus macht, das ist wie … ich meine, Jackson Pollock hat das Gleiche gemacht.

Minnie Evans, Untitled (Four Figures
Collage), 1961–1967 
Minnie Evans, Untitled (Three Large
Figures, Night Sky and Stars Collage), 1967.

Minnie Evans Bilder sind von ihren religiösen und spirituellen Elementen nicht zu trennen. Zentauren, Pegasus Pferde, Propheten, weisse Engelsfiguren wie bei Gemälden von Chagall und immer wieder das allgegenwärtige Augenpaar. War es ihr möglich, in ihrer Kunst der harschen Lebenswirklichkeit als schwarze Frau im segregierten Süden aufgewachsen zu sein, zu entkommen?

Minnie Evans’ verlorene Welt

Mit sechs Jahren war sie Zeugin eines Massakers in Wilmington. Sie war traumatisiert. Ihr Glaube half ihr, mit diesen Traumata umzugehen, und ihr Glaube führte sie dann zur Kunst. Es war also nicht so, dass die Kunst ein Mittel war, mit Traumata umzugehen. Vielmehr ermöglichte ihr ihr Glaube, in dieser Welt zu leben und sich eine Welt vorzustellen, die besser wäre. Sie spricht von der “verlorenen Welt”, also dem Paradies vor der Sintflut, und sie malt dieses verlorene Paradies, aber auch das Paradies, von dem sie glaubt, dass es kommen wird. Und es ist in dieser Welt.

Minnie Evans' verlorene Welt
Nina Howell Starr, Minnie Evans at
Gatehouse, Airlie Gardens, 1962, gelatin
silver print, 

Die Ausstellung, die im Süden der USA eröffnet wurde, wo Minnie Evans bis zu ihrem Tod 1987 lebte, hat in New York –  wo sie in den 70er Jahren berühmt wurde – ihr Ziel erreicht.Für Kuratorin Barbara Haskell eine längst überfällige Gelegenheit, an eine faszinierende Künstlerin zu erinnern.

Evans wurde lange als eine Art naive Outsider-Künstlerin dargestellt. Aber wir müssen sie nicht als Volkskünstlerin oder Außenseiterin betrachten. Sie ist eine Künstlerin wie jede andere, die wir ausstellen würden.  Und für die meisten Besucher wird es eine Begegnung mit einer Künstlerin sein, von der sie bisher noch nichts wussten.

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