Archiv, Sammlung, Workshop, Community Center – die New Yorker Comic Art Community will ihre eigene Bibliothek.
von Andreas Robertz

New York City ist ohne Zweifel die Bibliothekenhauptstadt der USA. Allein die Public Library zählt mehr als 200 Ableger, dazu ungezählte spezialisierte Sammlungen, Forschungsarchive und Universitätsbibliotheken. Besonders die öffentlichen Büchereien sind weniger Orte des stillen Lernens, sondern lebendige Community- und Kulturzentren zur freien Nutzung, mit einer grossen Auswahl von öffentlichen Veranstaltungen. Ganz nach diesem Vorbild hat sich nun eine Gruppe von Comicschaffenden zusammengetan, um die New York Working Cartoon Library zu gründen – ein Ort, der nicht nur eine öffentliche Sammlung sein will, sondern vor allem für Künstler*innen und Enthusiasten ein zentraler Ort des Schaffens und Kommunizierens – eine Zuhause für Comic Art.
Austin English lebt seit 24 Jahren in New York und ist Mitherausgeber des “Comic Journal”, einer wichtigen Publikation über Neuerscheinungen im Bereich Independent und Underground. Er ist einer der Hauptinitiatoren der New York Working Cartoon Library:
Ich habe mich schon seit ich denken kann mit Comics beschäftige und besonders in den letzten zehn Jahren sind eine Menge herausragender experimenteller und poetischer Arbeiten entstanden. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt, die eine Wiege dieser Kunstform ist, über einen nichtkommerziellen Ort verfügt, der sich für diese Kunstform einsetzt, für ihre Geschichte und ihre Zukunft.
So ähnlich sehen das auch Susan und Max, die mit mir hier in Joe’s Cafe sitzen, einem Ort in der Nähe des Union Square, an dem oft Studenten der New School of Design zu treffen sind.
Susan Kaplan ist Dichterin und Zeichnerin. Ihre Comic Reihe “Puncentration Camp” hat sie in der Szene bekannt gemacht.
Die meisten hier am Tisch sehen sich als unabhängige Künstler und vielleicht sogar noch ein bisschen als Teil der Underground-Szene mit einem gespanntes Verhältnis zum Kommerz und Institutionen im Allgemeinen.
Es sei eine Gratwanderung, erklärt sie.

Im Kern geht es darum, eine Art Salonatmosphäre zu schaffen, in der Leute Bücher mit nach Hause nehmen können, aber auch dort sitzen, lesen und darüber diskutieren können. Es wird Leute wie uns geben, die Schichten übernehmen, und Leute, die an den Druckmaschinen arbeiten. Wir versuchen buchstäblich, eine Bibliothek aufzubauen. Es geht darum, diese Kunstform zu erweitern, sie noch viel stärker in der Gemeinschaft und in der Kultur zu verankern und den Leserkreis zu vergrößern.
Max Burlingame ist der Jüngste am Tisch. Er ist ein regelmäßiger Autor für zahlreiche lokale Comic-Magazine und hat seinen ersten Comic Band “Leone in Blood from the Stone” veröffentlicht. Es sei besonders wichtig, dass in der Bibliothek gedruckt, gebunden und veröffentlicht werden könne.
Ich bin in den 90er Jahren aufgewachsen, und bei uns zu Hause wurde viel gelesen. Bücher sind für so viele von uns so wichtig. Und einfach einen Stapel Zeichnungen zu nehmen und daraus ein Buch zu machen, hat eine transformative Kraft. Ich glaube, es gibt viele Menschen in New York, die mit einem Stapel Zeichnungen herumlaufen und die sich fragen: „Wie befreie ich sie aus dem Gefängnis meiner Wohnung und bringe sie hinaus in die weite Welt?“

Max Burlingame ist der Jüngste am Tisch. Er ist ein regelmäßiger Autor für zahlreiche lokale Comic-Magazine und hat seinen ersten Comic Band “Leone in Blood from the Stone” veröffentlicht. Es sei besonders wichtig, dass in der Bibliothek gedruckt, gebunden und veröffentlicht werden könne.
Ich bin in den 90er Jahren aufgewachsen, und bei uns zu Hause wurde viel gelesen. Bücher sind für so viele von uns so wichtig. Und einfach einen Stapel Zeichnungen zu nehmen und daraus ein Buch zu machen, hat eine transformative Kraft. Ich glaube, es gibt viele Menschen in New York, die mit einem Stapel Zeichnungen herumlaufen und die sich fragen: „Wie befreie ich sie aus dem Gefängnis meiner Wohnung und bringe sie hinaus in die weite Welt?“
Dem stimmt Austin hundert Prozent zu.
Manchmal beginnt es, wenn sie 20 Exemplare ihrer Arbeiten veröffentlichen. Aber das macht einen riesigen Unterschied dazu, diese Zeichnungen, wie es Max beschreibt, mit sich herumzutragen, ohne sie mit jemandem zu teilen. Das ist ein extrem wichtiger erster Schritt, den viele Menschen nicht machen.
Auf die Frage, was für Geschichten die Künstler*innen heute besonders interessieren, muss Susan nicht lange überlegen:
Ein großes Thema, das sich gerade abzeichnet und was mich dazu gebracht hat, zu sagen: „Der Moment ist gekommen“, ist die Frage nach dem Menschsein als Gegengewicht zum Vormarsch der KI. Wir alle denken darüber nach. Comics haben da etwas zu bieten. Es ist nicht nur Literatur, es ist nicht nur bildende Kunst. Es ist ein Hybrid. Da steckt im wahrsten Sinne des Wortes Handwerk dahinter. Ich würde bezweifeln, dass eine KI dazu in der Lage ist.
Doch wie konkret sind die Pläne für die Bibliothek?
Die größte Hürde sind die hohen Mieten in New York. Es klingt geradezu utopisch, gerade jetzt in der Stadt einen nichtkommerziellen Raum zu schaffen.
Man brauche um die 150000 Dollar gesichertes Startkapital für die ersten anderthalb Jahre, aber die Idee habe bereits viele Befürworter gewonnen. Das klingt für den New Yorker Immobilienmarkt allerdings eher unrealistisch. Ob diese Bibliothek Realität wird, wird massgeblich davon abhängen, ob die Initiatoren potente Geldgeber finden, die die Gründung einer Bibliothek auf Jahre hin garantieren. Man muss den Initiatoren allerdings zu Gute halten, dass sie bereits eine breite Koalition von Comicshops, Herausgebern, Mini-Verlagen, Künstlerinnen und privaten Sammlern zusammengebracht haben und wer weiss? Vielleicht entsteht genug Dynamik, dass aus dem jetzt noch blauäugig klingenden Traum Realität werden kann. Austin jedenfalls liebäugelt bereits damit, die Frau des neuen Bürgermeisters Zoran Mamdani mit ins Boot zu holen – sie ist ebenfalls Comiczeichnerin.