Black Fatigue für Weiße


Thomas Prices Skulptur “Grounded in the Stars” auf dem Time Square löst rassistische Diskussion aus

von Andreas Robertz

Black Fatigue für Weiße
Grounded in Stars Detailansicht, photo by Robertz


Fünf Jahre nach dem Tod von George Floyd und der Hoch-Zeit der Black Lives Matter Bewegung ist der Begriff “wokeness” vom rechten Politlager in den USA zum Schimpfwort degradiert worden. Was positiv als Gewahrsein von institutionalisiertem Rassismus und Diskriminierung aus der Soziologie kam, wurde schnell von der MAGA Bewegung besetzt und als Begriff für die, wie sie sagen, linksradikalen Kräfte benutzt, die die amerikanische Gesellschaft zerstören wollen. Seit Donald Trump im Weißen Haus regiert, zählen transgender Personen genauso zu diesen Kräften wie schwarze Bürgerrechtsaktivist*innen, Immigranten, Wissenschaftler*innen, Universitätsprofessoren, Richterinnen, Künstler, Umweltschützer, Demokraten oder Gewerkschaftler – kurz jeder, der sich gegen den willkürlichen Autoritarismus der neuen Regierung stellt. Dieser Kulturkampf findet auch und gerade in der Kulturkritik statt. So auch bei der Einschätzung einer Bronzestatue des britischen Künstlers Thomas Pryce, die als temporäre Installation bis gestern auf dem Time Square stand.

Ein Kommentar von Andreas Robertz:


Originalbeitrag

Da steht sie, in T-Shirt und Jeans, gross, schwarz und monumental, mit den Händen auf den Hüften und schaut ruhig in die Ferne. Ihre Haltung erinnert mit einem Augenzwinkern an Michelangelos David. Fast 4 Meter groß ist Thomas Pryces schwarze Bronzefrau mit dem poetischen Titel “Grounded in Stars”. Auf der offiziellen Time Square-Webseite heißt es, die Skulptur breche  aufgrund ihrer Größe und Haltung  tradierte Vorstellungen darüber, was eine triumphale Figur ausmacht, und stelle gleichzeitig die Frage, wer durch Monumentalisierung unsterblich gemacht werden sollte. 

Black Fatigue für Weiße
Grounded in Stars, photo by Robertz

Diese Frage wird in regierungsfreundlichen Medien nur scheinbar beantwortet.  Moderator David Marcus fragte auf Fox News, was diese wütende, gewöhnliche schwarze Frau denn gemacht habe, dass sie so ein Denkmal verdiene?  Für ihn ist die Skulptur eine physische Repräsentation des Netzes, in das sich die Linken durch ihre “Wokeness” verstrickt hätten. Ein anderer Fox News Moderator kommentierte sarkastisch: “Danach sollen wir streben? Anonym und fett? Es ist eine D.E.I. Statue.” Gemeint sind mit der Abkürzung die Vielfalt-, Fairness- und Inklusions-Initiativen, die für die MAGA Propaganda zum Feindbild Nummer eins wurden. Anstatt nach dem kulturellen Kontext von Monumenten zu fragen, stellen sie lieber die Statue selbst in Frage. Als sei die Skulptur eben kein Kunstwerk, das das Monumentale zum Thema macht. 

Dass diese völlig gewöhnliche schwarze Frau mit ihrer gewöhnlichen Figur, ihren geflochtenen Zöpfen und unspektakulären Klamotten ein solcher Aufreger werden konnte, sagt viel über den Zeitgeist in den USA aus. Und die Angriffe kommen nicht nur von rechts, sondern auch aus der schwarzen Fitness – und Lifestyle Community, die in der übergewichtigen Bronzefrau nur die Wiederholung eines hässlichen Klischees sieht. Verdrehter kann ein Argument nicht sein. 

Black Fatigue für Weiße

Auf einer weitaus subtileren Ebene postulieren Kunstkritiker und MAGA Ästheten plötzlich, die Öffentlichkeit sei von schwarzer Kunst gesättigt; und es sei dringend Zeit “to move on”. Sie sprechen von “Black Fatigue” – ein weiterer Begriff, der aus dem Kontext gerissen und als Waffe benutzt wird. Von der Soziologin Marie Frances Winters geprägt, bezeichnet er eigentlich einen lähmenden Erschöpfungszustand, den schwarze Menschen empfinden, die täglich institutionalisiertem Rassismus, Mikroagressionen und ständigem Leistungsdruck ausgesetzt sind. Nun wird er plötzlich auf Weisse angewandt, die durch die ständige Repräsentation schwarzer Körper im öffentlichen Raum traumatisiert würden. 

Wokeness, D.E.I. Propaganda, Black Fatigue – diese Begriffe werden strategisch platziert, um schwarze Kunst als ein temporäres Phänomen zu diskreditieren und aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Dass die Mär der “weissen” Black Fatigue eine Lüge ist, zeigt sich schon daran, dass alle vier großen Museen in New York gerade sehr erfolgreich Soloausstellungen schwarzer Künstler zeigen. 

Seit gestern steht “Grounded in Stars” nicht mehr auf dem Time Square – die Figur war von vornherein als temporäres Kunstwerk gedacht. Die Organisatoren sprechen von einem großen Erfolg für Kunst im öffentlichen Raum. Wie lange sich New York diesen Freigeist noch leisten kann, ist allerdings fraglich. 36 Millionen des Bundeskulturhaushaltes hat Donald Trump schon mal für seinen Helden Statuen Park hinterm Weißen Haus abgezwackt. Es ist unwahrscheinlich, dass Thomas Price dort vertreten sein wird.