Die grosse Beschleunigung


Das Internationale Zentrum für Fotografie in New York zeigt Edward Burtynsky Retrospektive

Ein Interview mit Andreas Robertz

Die grosse Beschleunigung
Edward Burtynsky, Shipbreaking #23, Chittagong, Bangladesh, 2000 


Der kanadische Fotograf Edward Burtynsky beschäftigt sich bereits Zeit seines Lebens mit Landschaften und wie der Mensch diese verändert. Besonders mit seinen aufsehenerregende Aufnahmen von Industrielandschaften hat er sich einen Namen gemacht. Das Internationale Zentrum für Photographie in Manhattan würdigt jetzt seine Arbeit mit einer Retrospektive unter dem Titel “Die Grosse Beschleunigung”. Die richtige Ausstellung zur richtigen Zeit, meint unser Kritiker Andreas Robertz im Gespräch mit Marietta Schwarz.


Interview Fazit Berlin


Marietta Schwarz: Edward Burtynsky ist ja schon länger einer der grossen Namen der zeitgenössischen Fotografie, besonders im Kontext von Umweltschutz und Klimawandel. Am Freitag hat die Ausstellung am International Zentrum für Fotografie nun unter dem Titel The Great Acceleration  – die grosse Beschleunigung – eröffnet. Wie ist ihr erster Eindruck gewesen?

Andreas Robertz: Ich kannte ein paar seiner Bilder aus Zeitschriften und Ausstellungskatalogen, aber es ist schon etwas anderes direkt davor zu stehen. Die meisten der Bilder sind richtig gross, 1 1/2 mal 2 Meter würde ich sagen. Und wenn man davor steht, dann weiss man im ersten Moment oft gar nicht, was man sieht. Ist das ein abstraktes Bild oder eine Fotografie? Zum Beispiel eine Arbeit mit dunkelbraunen Flächen auf der einen Seite und dann hell schraffierten auf der anderen. Erst bei genauem Hinsehen sieht man Strassen und Abgrenzungen und man kann dazu lesen, dass es sich um eine Salzgewinnungsanlage in Indien handelt. Viele der Fotografien sind aus der Vogelperspektive gemacht, so dass man ein grosses Areal sieht. 

Die grosse Beschleunigung
Edward Burtynsky, Salt Pan #20, Little Rann of Kutch, Gujarat, India, 2016. 

Marietta Schwarz:: Wie ist die Ausstellung denn aufgebaut?

Andreas Robertz:: Mehr oder weniger chronologisch von seinen frühen Landschaftsaufnahmen in Kanada, übers seine Faszination mit Industrielandschaften wie Minen, Bergwerke oder Halden, seine Reisen nach China und Bangladesh und seine thematischen Projekte zum Thema Öl, Recycling, Autos oder dem Anthropozän. 

Marietta Schwarz:: Autos?

Die grosse Beschleunigung

Andreas: Ja, er hat eine ganze Reihe von Bildern dazu gemacht, von Großaufnahmen von Tausenden von Autoreifen auf einer Müllhalde, zu Schrottplätzen so weit das Auge reicht, Montagehallen und ein ganz besonders faszinierendes über ein Formal 1 Rennen. Auf der linken Seite sieht man die Kurve einer riesigen Tribüne mit Tausenden von Menschen, links die nach Farben geordneten Reihen von Monteuren der einzelnen Ställe und in der Mitte eine Rasenfläche mit den Symbolen der Teams. Auf der leeren Strasse sieht man einen grossen silbernen Truck mit der amerikanischen Flagge. Das Auto als Symbol individueller Freiheit einerseits und die ungeheure Belastung für die Umwelt andererseits. Das ist übrigens auch ein Markenzeichen seiner Arbeit, diese Mischung aus Faszination, Schönheit und Erschrecken. Die Bilder haben dabei keinen erhobenen moralischen Zeigefinger, sondern sie zeigen eher Realität, die uns nachdenklich stimmen soll. 

Marietta Schwarz:: Hast du noch ein anderes Beispiel dazu?

Die grosse Beschleunigung
Edward Burtynsky, Nickel Tailings #34, Sudbury, Ontario, Canada, 1996 

Andreas Robertz:: Ja, sehr dominant in der Ausstellung ist ein riesiges Bild, das aus zwei nebeneinander gehängter Teile besteht. Die Landschaft besteht aus einer schwarzen Kohlenhalde, im Hintergrund etwas im Nebel sieht man weisse Birken aus der Halde ragen und im Vordergrund ein hellroter Fluss, der sich durch beide Teil schlängelt. Die krasse Farbe entsteht durch Chemikalien, der der Regen aus der Kohle wäscht – natürlich giftig. Das ganze sieht aus wie aus einem Science Fiction.

Faszination der Ödnis

Marietta Schwarz:: Burtynsky will doch auf die verheerenden Auswirkung der Industrie aufmerksam machen, oder? 

Andreas Robertz:: Ich glaube, das ist nicht so einfach. Er zeigt uns Landschaften und Orte, die es gibt, die etwas mit unserem Lebensstil und unserer Lebensweise zu tun haben, aber er will uns vor allen Dingen die Augen für diese Realität öffnen. In einer Dokumentation beschreibt er das folgendermaßen:

Ich begann, mir das Ausmaß der Menschheit anzusehen. Und die Folgen und Überbleibsel dieses Ausmaßes, die Orte, an denen wir Dinge nehmen und sie dann einfach als Ödland zurücklassen. In den 40 Jahren, in denen ich arbeite, bin ich vielleicht einer der wenigen Menschen, die so viel Ödland gesehen haben, wie ich es gesehen habe, und die Dinge, die wir als Menschen zurückgelassen haben, diese großen Gebiete, die abgebaut oder abgeholzt und dann verlassen wurden, im Grunde genommen zum Sterben. Ich habe mir diese Gebiete angesehen und sie als eine Erweiterung unserer Lebensräume wieder in unser Bewusstsein gebracht.


Die grosse Beschleunigung
Edward Burtynsky, Shipbreaking #49, Chittagong, Bangladesh, 2001. 

Marietta Schwarz: Welches Gefühl hinterlassen denn seine Bilder ?

Andreas Robertz:: Faszination und Staunen – man sieht etwas Unfassbares – aber auch Scham, weil man versteht, dass diese Bilder etwas mit einem selber zu tun haben. Eine ganze Reihe von Bildern beschäftigt sich mit riesigen ausrangierten Öltankern, die vor der Küste von Bangladesh liegen und in Handarbeit von Arbeitern abgetragen werden: eine Landschaft wie aus einem dystopischen Film. Die Arbeiter haben Sandalen an und sie stehen vor diesen riesigen Ungetümen, die wir brauchen, um unseren Lebensstandard halten zu können. Das bedeutet aber nicht, dass diese Maschinen nicht faszinierend sind. Diese Wirkung auf den Betrachter hängt auch von seiner Art des Fotografierens ab, wie er Licht und Räumlichkeit behandelt. Er beschreibt das in dem Buch Earth 2020 so:

Durch die Wahl des Objektivs und die Entfernung zur Szene versuche ich, das alle Elemente des Bildes die gleiche Bedeutung haben und nichts hervorsteht  – es gibt kein dominierendes Objekt. Und ich bevorzuge helle, bewölkte Tage, so dass die Beleuchtung gleichmäßig über die gesamte Szenerie verteilt ist – ich möchte keine scharfen Schatten im Hintergrund. Ich versuche, alles in eine “demokratische Verteilung von Licht und Raum” zu bringen, damit der Betrachter das ganze sehen und in die Details eintauchen kann. 


Die Ausstellung ist noch bis zum 28. September in New York zu sehen.