Unter dem Titel The Magical City zeigt das Met eine Ausstellung über den indigenen Maler George Morrison und seine Liebe zu New York
von Andreas Robertz

Morning Storm, Red Rock Variation: Lake Superior Landscape
1986 Acrylic on board © George Morrison Estate
New Yorks Aufstieg zur globalen Kunsthauptstadt ist unmittelbar mit dem Aufstieg des abstrakten Expressionismus während und nach dem 2. Weltkrieg verbunden – der ersten wirklich “amerikanischen” Kunstrichtung. Jackson Pollock, Willem de Kooning, Franz Kline und Mark Rothko sind wichtige Künstler dieser Epoche. Ein heute eher unbekannter, aber damals sehr erfolgreicher Künstler war der indigene Maler George Morrison. Er kam als junger Mann 1943 aus Minneapolis, wo er Kunst studierte, nach New York. Für ihn entpuppte sich dieser Ort als eine magische Stadt – a magical City. Unter diesem Titel erinnert das Met nun den im Jahr 2000 gestorbenen George Morrison an seine Jahre in New York.
George Morrison kam zu einer Zeit nach New York, als die Kunstwelt in den USA im Aufbruch war: Besonders zwei Richtungen bekamen immer mehr Aufmerksamkeit: indigene Kunst amerikanischer Ureinwohner und moderne Kunst. 1941 hatte das MoMA eine wegweisende Ausstellung mit dem Titel “Indian Art of the United States” ausgerichtet, die First Lady Eleanor Roosevelt eröffnete, und zwei Monate nach Morrisons Ankunft in New York hatte Jackson Pollock seine erste Einzelausstellung. Morrison schrieb sich als einziger indigener Student in die Art Students League ein und wurde bis in die späten 60er Jahre mit unzähligen Gruppenausstellungen und acht Soloausstellungen ein wichtiger Vertreter des abstrakten Expressionismus.
Emily Marsolek von der Bockley Galerie in Minneapolis, die Morrisons Nachlass vertritt und die meisten Leihgaben für die Ausstellung organisiert hat, erzählt, wie der scheue und introvertierte Morrison in New York aufblühte:
Es war einfach die Kunsthauptstadt der Welt. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Menschen aus Europa eingewandert. Kunsthistorisch gesehen wurde die Stadt zu einem Schmelztigel, einem Melting Pot, all dieser Kreativität, all dieser verschiedenen Bewegungen. Vor allem der Expressionismus hat George schon sehr früh angezogen- bevor er sich der Abstraktion zuwandte.

Whalebone, 1948, Oil on canvas © George Morrison Estate
Ein Stilleben in satten roten, grünen und braunen Farben in geometrische Flächen unterteilt, man erkennt die Form einer Flasche und die Andeutung von Früchten, ein grosser weisser runder Knochen beherrscht eine Seite des Bildes. Der Titel: Walknochen. Die dicke Farbe gibt dem Bild eine reliefartige Qualität und Bewegung. Das Bild war 1948 auf der jährlichen Ausstellung des Whitney Museums neben Arbeiten von Pollock und de Kooning zu sehen. Morrison experimentierte zunehmend mit Techniken aus dem Surrealismus, die sich völlig vom Gegenständlichen entfernten und spontanen Impulsen Raum gaben. Es entstand der eigenwillige Stil eines Malers, der von Farbe und Textur fasziniert war.
Das einzige Strukturelement ist in vielen Fällen eine horizontale Linie. Sie stamme aus der Erfahrung als Kind am Oberen See an der Grenze zu Kanada aufgewachsen zu sein, erklärt Galeristin Emily Marsolek:
Er sprach oft darüber, wie diese Horizontlinie, die in seinem Werk über verschiedene Jahrzehnte hinweg immer wieder auftaucht, eine Metapher für ihn ist. Er nannte sie einmal “ein Rätsel”. Es ist die Vorstellung von einem Ort, denn man nie wirklich erreichen kann.
George Morrisons New York
Den Horizont in einer Stadt wie New York zu sehen, ist fast unmöglich. Und doch taucht er immer wieder in seinen Bildern von der Stadt auf, zum Beispiel in “Red Sky” von 1955: Ein dunkelroter satter Himmel beherrscht die obere Hälfte des Bildes, unterhalb der Horizontlinie Farben und Formen, die an Gebäude und Strassen erinnern. Seine Arbeit “Structural Landscape” von 1952 zeigt eine abstrakte Hängebrücke, ihre Pfeiler, die Kabel, Strassen und Tunnel. Es ist eine wilde Kompositionausgeometrischen Formen mit grünen, schwarzen und grauen Farbschichten und einer Unterschicht aus tiefen Rottönen, die mit dem Messer herausgekratzt zu sein scheinen. Die horizontale Linie in der Mitte gibt Orientierung. Das Bild brachte Morrison ein Fulbright Stipendium ein. Damit konnte er drei Jahre in Frankreich studieren. Es war das erste Mal, dass ein indigener Künstler ein solches Stipendium erhielt. Wie war für ihn das Verhältnis zwischen Kunst und seinem kulturellen Erbe?


Oil on canvas © George Morrison Estate
In einem Tagebucheintrag von 1970 schrieb Morrison:
Meine eigene Arbeit ist durch meine Art von Erfahrung und Ausbildung vorgegeben. Meine eigene Sensibilität, die Einflüsse und die Einstellungen, die meine Kunst geprägt haben, waren breit gefächert. Ich habe nie die so genannten indigenen Themen gemalt; ich habe in meiner Malerei nie ein soziales Bewusstsein gehabt; ich habe nie versucht, durch meine Kunst zu beweisen, dass ich ein Ureinwohner bin; und doch mag eine entfernte Andeutung des Felsens, aus dem ich gehauen wurde, das Rätsel des Horizonts oder die Farbe des Windes tief verborgen bleiben.
Noch einmal Emily Marsolek:
George lebte in einer postmodernen Zeit. Es war nicht notwendigerweise eine post-rassistische Zeit, aber alle waren irgendwie vertrieben, die nach New York City kamen. Mit jedem Hintergrundkonnte man an diesem Ort sein, was man wollte. Das gab ihm eine Menge kreativer und psychologischer Freiheit. Ich glaube nicht, dass er jemals das Gefühl hatte, in eine bestimmte Form passen zu müssen oder eine bestimmte Identität erfüllen zu müssen. Er akzeptierte die Tatsache, dass er ein indigener Künstler war, aber er hat sich nie dadurch definieren lassen.

George lebte in einer postmodernen Zeit. Es war nicht notwendigerweise eine post-rassistische Zeit, aber alle waren irgendwie vertrieben, die nach New York City kamen. Mit jedem Hintergrundkonnte man an diesem Ort sein, was man wollte. Das gab ihm eine Menge kreativer und psychologischer Freiheit. Ich glaube nicht, dass er jemals das Gefühl hatte, in eine bestimmte Form passen zu müssen oder eine bestimmte Identität erfüllen zu müssen. Er akzeptierte die Tatsache, dass er ein indigener Künstler war, aber er hat sich nie dadurch definieren lassen.
“The Magical City” ist nur eine kleine Ausstellung mit vielleicht 20 Bildern und Zeichnungen. Aber sie zeigt einen beeindruckenden Künstler in einer besonderen Zeit und macht Lust auf mehr. Es wäre Zeit für eine echte Retrospektive.
Die Ausstellung ist noch bis Mai 2026 im Met zu sehen.