Das Met in New York zeigt nach fünf Jahren Renovierung seine Afrika – , Ozeanien – und Amerika-Sammlung mit neuem Konzept.
von Andreas Robertz

Als vor 40 Jahren das Met in New York den Rockefeller Flügel mit der Sammlung des Philanthropen Nelson Aldrich Rockefeller und dessen Sohn Michael C. Rockefeller eröffnete, war das geradezu eine radikale Geste. Zum ersten Mal zeigte das Museum Artefakte afrikanischer-, lateinamerikanischer und ozeanischer Herkunft gleichberechtigt neben den Sammlungen für griechische und römische Kunst – auch wenn aus heutiger Sicht vieles dabei problematisch war. Seitdem ist viel passiert. Die wichtige Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte zum Beispiel, oder die Debatte um Restitution, um Autorschaft oder die Frage nach der Provenienz, also der Forschung nach dem Ursprung eines Kunstwerkes und dessen Verkaufsgeschichte. Als 2020 die Museen in New York wegen der Pandemie schließen mussten, nutzte das Met diese Gelegenheit, den Rockefeller Flügel zu renovieren und neu zu denken. 70 Millionen Dollar wurden investiert, davon 14 von der Stadt New York. Jetzt, knapp fünf Jahre später, eröffnet das Met an diesem Wochenende seinen neuen Rockefeller Flügel mit großem Kulturfest und vielen Veranstaltungen.
Segnung der Ahnen
Eine Maori-Gesandtschaft des neuseeländischen Nationalmuseums Te Papa Tongarewa ruft die Kraft der Ahnen an, ihre Artefakte, die sie ebenfalls Ahnen nennen, zu beschützen und alle die, die sie besuchen wollen. Arapata Hakiwai ist Kurator des Te Papa und eine wichtige Person in der internationalen Zusammenarbeit zur Rückführung von Maori-Artefakten. Für ihn ist heute ein Tag der Freude.
Die Beziehung und Zusammenarbeit mit dem Met war großartig. Wir waren schon in der Anfangsphase sehr stark involviert, als es darum ging, das Konzept zu entwickeln: Wir wollen eine Ausstellung über Ozeanien und Afrika machen, wie soll sie aussehen? Und mein damaliger Ratschlag war, dass man die Menschen aktiv einbeziehen sollte, die Menschen in den Communities, denen diese Schätze gehören und zu denen sie eine Beziehung haben, anstatt, wie es manche Museen tun, Ausstellungen mit ihren Kuratoren zu organisieren, mit nur minimalen oder in einigen Fällen überhaupt keinen Kontakt zu den diesen Gruppen.
Indigene Kunst in neuem Licht

Museum of Art, New York. Photo by Bridgit Beyer
Und das Met hat offenbar auf seinen Rat gehört, denn wenn man die neuen Ausstellungsräume betritt, erlebt man ein bis in kleinste Details durchdachtes Konzept, die Kunstschätze der drei Regionen mit ihren uralten Traditionen in buchstäblich neuem Licht zu zeigen. Verschwunden sind die vielen kleinen, dunklen Gänge mit vollgestopften Vitrinen. Die Böden und Wände sind hell, imposante Statuen, Stelen, Masken und Skulpturen stehen frei in der Mitte der großen Räume. Artefakte stehen erhöht in gläsernen Vitrinen, um die man herumgehen kann und an vielen Stellen gibt es Bänke, um sich zu den ausgestellten Figuren zu setzen.
Kontext, Kontext, Kontext
Die hohen Räume sind mit runden Bögen abgehängt, die im Bereich Ozeanien an ein umgedrehtes Boot, in der afrikanischen Abteilung an das Gewölbe der berühmten Moschee von Djenné erinnern soll. Ausführliche Wandtexte und Videomaterial beschreiben Funktion und rituellen Hintergrund, verweisen auf Künstlerbiografien oder Schulen, nach deren Stil die Werke entstanden sind. Kultureller Kontext, der war dem Met besonders wichtig, erklärt Direktor Max Hollein:
Wir haben nicht nur sehr viel mehr über diese Kulturen gelernt, wir wissen auch, dass wir eine Perspektive fundamental erweitern können. Schon allein über die Kunst Afrikas, die vor 40 Jahren vielmehr wie wenn das eine Region wäre gesehen wurde, wo wir in der Neuaufstellung natürlich ganz klar die verschiedenen Regionen, die verschiedenen Kulturen hervorstreichen, wo wir insbesondere aber auch den Künstler selbst in den Vordergrund rücken.


Mit Smartphone zur Provenienzgeschichte
ÜberQR-Links gelangt man mit seinem eigenen Smartphone zur Provenienzgeschichte für jedes einzelne Objekt und ausgestellte interaktive Landkarten erklären die Veränderung der kulturellen Einflüsse durch Kolonialisierung und Ausbeutung. Zeitgenössische Arbeiten von Künstler*innen der jeweiligen Regionen stehen im Dialog mit Objekten aus deren kulturellem Erbe. In zentralen Raum lateinamerikanischer Kunst gibt eine neue gläserne Wand den Blick frei auf den Central Park und schützt die Kunstschätze vor UV-Strahlung. 70 Millionen Dollar hat die Neuausrichtung gekostet, 14 Millionen kamen von der Stadt New York und der Rest aus privaten Spenden:
Das Met ist kein Nationalmuseum. Wir sind ein Weltmuseum im besten Sinne. Diese Kunst, diese Künstler, dürfen aber nicht nur lokal gesehen werden, sowohl weder physisch noch interpretorisch. Und ich glaube, das ist etwas ganz Wesentliches, was auch in der Form der Präsentation, aber auch einfach in der Möglichkeit, die das Met bieten kann, sozusagen hervortritt. Und das war sicherlich auch ein ganz wesentlicher Beweggrund, dass nahezu alle der wesentlichsten Forscher, der wesentlichsten Kollegen aus den jeweiligen Regionen, aus den jeweiligen Ländern, die hier repräsentiert sind, mit uns zusammengearbeitet haben, um das hier weiterzuentwickeln.
Wir treffen Kurator Hakiwai aus Neuseeland auf einer Bank vor den Statuen von tanzenden Frauen aus dem Niger wieder. Er lobt das neue Konzept des Rockefeller Flügels.
Es ist ein Fest der Völker und deren Geschichte. Wenn es etwas gibt, das Museen lebendiger machten kann, dann ist es die Einsicht, dass Artefakte nicht passiv sind. Sie spiegeln die Geschichte wider und verbinden sich mit den Menschen. Es ist für ein Museum bedeutend, die Frage zu stellen, was wir tun können, um die Erhaltung und Wiederbelebung der Kultur zu unterstützen und zu fördern. Ich denke, das ist es, was Museen tun sollten.