Das Heilige und Profane


Pamela Sneed und Carlos Martiel erforschen die Geschichte vergessener Körper auf Fire Island im Leslie-Lohman Museum.

von Andreas Robertz

Das Heilige und Profane
Carlos Martiel, Visionario, 2024, Photo print on matte cotton
paper, two diamonds of 0.5 carats and white gold
Courtesy of the artist.

Fire Island ist eine kleine Insel vor der Küste von Long Island, etwas 90 Kilometer von New York City entfernt. Sie ist bekannt für ihre langen Sandstrände und die schönen Promenaden. Und die wilde, sorgenfreie Party Szene im Sommer für Schwule und Lesben. Aber ihre Geschichte ist weit weniger schön. Fire Island war im 17.  und 18. Jahrhundert ein wichtiger Umschlagplatz für den Sklavenhandel, fast jede Familie auf der Insel und der benachbarten Umgebung soll mindestens ein bis zwei Sklaven gehabt haben – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die US-amerikanische Dichterin und Performancekünstlerin Pamela Sneed und der aus Kuba stammende Performancekünstler Carlos Martiel gehen in einer gemeinsamen Ausstellung mit dem Titel “Das Heilige und das Profane” im Leslie-Lohman Museum in Manhattan dieser verborgenen Geschichte nach und der Frage, welche Bedeutung das Auslöschen von Erinnerung für die Schwarze Community hat. 


Originalbeitrag

Es wird nicht ernst genommen. Sie alle erwähnen es, aber sie nehmen es nicht ernst. 

Pamela Sneed hat den Hinweis auf die lange Geschichte der Sklaverei auf Fire Island in fast allen Broschüren und Flyern über die Geschichte der Insel gefunden, sogar für Kinder wird sie in einer Rubrik “Wissenswertes und Skurriles” benannt, aber eine vertiefte Auseinandersetzung, die fehlt. Während einer Künstlerresidenz ist sie dieser Geschichte auf den Grund gegangen und hat viel Material gefunden – alte Zeichnungen des Hafens mit Lagerhalle und Versteigerungsblock, Fahndungsnotizen nach entlaufenen Sklaven, einen alten Kaufvertrag für eine Mutter und ihre zweijährige Tochter und ein Buch aus dem 18. Jahrhundert mit genauen Eintragungen, die das enorme Ausmaß der versklavten Community erahnen lässt. Doch wie ehre ich diese vergessenen Menschen heute, habe sie sich gefragt: 

Man kann nicht nur darstellen, man muss es neu präsentieren. Ich habe das Gefühl, dass Worte wie Sklaverei, Rassismus, Kolonialismus – all diese Dinge – wie tote Sprache sind, auch wenn sie so allgegenwärtig auftauchen. Man kann diese Worte nicht einfach nur verwenden, man muss sie neu vergegenwärtigen, fühlbar machen. 

Das Heilige und Profane
Ausstellungsinstallation The Sacred and the Profane

In vielen ausgestellten Bildern hat sie dieses Material collagenartig zusammengetragen und in Kontext gesetzt. Zum Beispiel wenn sie die Fahndungsnotiz, die eine Belohnung von 20 Dollar für jeden Hinweis nach dem entlaufenen Charles verspricht, mit Portraits von George Floyd, Brianna Taylor und Keith Porter übermalt, prominente Opfer heutiger Polizeigewalt. Viele der Originaldokumente hat Sneed mit schwarzen Markierungen übersät, unter anderem ein Kommentar auf den Versuch von Institutionen, Dokumente zu schwärzen und so Geschichte auszulöschen. 

Auf einer Fotografie ist ein nackter schwarzer Mann zu sehen, der am Strand liegt, als habe ihn das Meer gerade ans Ufer gespült. Es ist der aus Kuba stammende New Yorker Performancekünstler Carlos Martiel, mit dem sie diese Ausstellung entwickelt hat. 

Ich glaube, dass es unmöglich ist, den Körper vom Gedächtnis zu trennen. Denn wir sind nicht nur materielle, sondern auch spirituelle Wesen. Die Menschen kommen mit einem angestammten Gedächtnis, und wir schaffen ein neues Gedächtnis in der Welt.

Carlos Martiel, der bereits mehrmals mit Marina Abramović zusammengearbeitet hat, setzt in seinen Performances seinen eigenen Körper in einen symbolischen, oft extremen Kontext. Auf einer Wand in der Ausstellung kann man auf 12 neben- und untereinander hängenden Bildschirmen Videos dieser Performances sehen. So ließ er sich in einer Galerie auf Fire Island mit exotischen Früchten überhäufen und lud zum Buffet ein – ein vielschichtiger und verstörender Kommentar unter anderem zum Thema Exotisierung schwarzer Körper. In einer anderen Performance ließ er sich 90 Minuten lang von einer Gruppe von weißen Menschen tragen. Er selbst war nackt und hatte einen Strick um den Hals. An einer Wand stehen weitere Akteure, die immer wieder die anderen beim Tragen ablösen. 

Das Heilige und Profane
Carlos Martiel, Cuerpo, 2022, Performance documentation
Courtesy of the artist

Jedes Stück hat sein eigenes Risiko, zum Beispiel, wenn ich mein Leben gewissermaßen in die Hände anderer Menschen lege. Ich denke über den Sinn von Gemeinschaft nach, über das Bedürfnis, das wir als Menschen haben, uns gegenseitig zu helfen, denn letztendlich ist es diese Einheit, die uns alle verbindet.

In seiner Arbeit reflektiert Martiel aber auch über seine Identität als schwuler schwarzer Mann und der Tatsache, in einer Gesellschaft zu leben, die ihn, wie er sagt, auslöschen will. 

Ich komme aus Kuba, und als Kind habe ich dort immer gehört, dass “schwarz” und “schwul” zu sein, das Schlimmste auf der Welt ist. Das hat sich bei mir eingeprägt. Ich glaube, es ist wichtig für mich darüber zu sprechen, wie wir Nachfahren von Afrikanern mit unserer Homosexualität umgehen und mit der verinnerlichten Homophobie, die man uns beigebracht hat.

Für Pamela Sneed und Carlos Martiel bietet das Leslie-Lohmann Museum einen geschützten Ort für ihre Arbeit. Es ist das weltweit einzige Museum, dass sich ausschließlich querer Gegenwartskunst verpflichtet hat. Eine Tatsache, die es in den Zeiten von Donald Trump zu einem äußerst wichtigen und richtigen Ort für die Kunstszene in New York macht. Die Ausstellung ist in ihrer Relevanz und Vielschichtigkeit ein gutes Beispiel dafür. Pamela Sneed: 

Das ist der extremste Moment, den ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Ich wusste gar nicht, wie viel wir zu verlieren hatten. Es geht gar nicht ums Regieren, es ist alles nur Kulturkampf.