Zum 82sten Mal zeigt das Whitney Museum, was gerade in der US-amerikanischen Kunstszene wichtig ist.
von Andreas Robertz

Collection of the artist, Photo: Robertz
Die Biennale am Whitney Museum of American Art in New York ist die wichtigste Gruppenausstellungen neuer zeitgenössischer amerikanischer Kunst. Alle zwei Jahre kann man hier sehen, was amerikanische Künstler*innen umtreibt, welche Tendenzen und Themen wichtig sind, welche neue Namen man sich merken muss. Gleichzeitig sind die Erwartungen hoch, denn die Sehnsucht in diesen bedrohlichen Zeiten, in aktueller Kunst etwas von der eigenen Befindlichkeit widergespiegelt zu sehen, ist gross. Sei es die Wut, die Ohnmacht, die Trauer, oder einfach nur das Bedürfnis, eine andere, neue Perspektive zu sehen, etwas, das vielleicht so etwas wie Hoffnung verspricht. Die letzte Ausgabe 2024 wurde von vielen Kritikern als zu leise und introvertiert wahrgenommen – sprich unpolitisch und harmlos – eine Kritik, die sich mehr an die Macher, als an die Künstler richtete. Man darf gespannt sein, welche Stimmungen und Atmosphären dieses Jahr von den Kuratoren aufgenommen wurden, wonach sie gesucht und was sie gefunden haben.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Museums prangt der riesige grüne Kopf eines jungen Mädchens, der direkt aus einer Graphic Novel stammen könnte – mit weit aufgerissenen Augen und einem breiten Grinsen zwischen Panik und Faszination. “I saw the Future and It smiled Back” – Ich habe die Zukunft gesehen und sie hat zurückgelächelt – nennt Taína Cruz ihre Arbeit, von denen einige auf der Biennale zu sehen sind. Die junge Frau ist mit 28 die jüngste der eingeladenen Künstler*innen und Kollektive. Kurator Drew Sawyer:
Wir wussten sofort, dass sie perfekt für die Plakatwand sein würde. Diese junge Frau, die grinst, was sowohl süß als auch gruselig ist. Das ist so etwas wie ein roter Faden der Show. Diese Balance zwischen Süße, Niedlichkeit und etwas, das unheimlich ist.

Collection of the artist, Photo Robertz
Zum Beispiel Cultus 2023, ein dunkelroter Neonraum als beträte man die Höllenfantasie eines Computerspiels. Auf schwarzen Glastafeln hängen Beschwörungstexte für Silicon Valley Gottheiten, die sich durch Suchalgorithmen, Extraktionen, automatischen Entscheidungsprozessen und der Suche nach dem ewigen Leben manifestieren. In der Mitte des Raumes ein vierseitiger Bildschirm, auf dem der Avatar eines, wie Zach Blas es nennt, Heretikers diese Götter herausfordert. Der in Kanada lebende Autor und Künstler konfrontiert den religiösen Unterbau der HightTech Bros.
56 Künstler*innen und Kollektive hat die Biennale zu ihrer 82. Ausgabe eingeladen. Eine der wichtigsten Fragen für die Auswahl sei die Frage nach Nationalität gewesen, erklärt Kurator Drew Sawyer. Was ist der “American Artist”?
Eine Besonderheit der von uns ausgewählten Künstler ist, dass wir viele Künstler aus Ländern eingeladen haben, die unter US-Besatzung standen oder aus Ländern, in denen die USA militärisch interveniert hat. Oftmals gilt für das Whitney Museum, dass man entweder ein in den USA geborener Staatsbürger ist, egal wo man lebt, oder dass man kein Staatsbürger ist und hier lebt und arbeitet.
Künstler wie der in Berlin lebende Aziz Hazara aus Afghanistan, der in seinem Projekt “Coming Home” mehrere Tonnen Müll von einer ehemaligen US-Luftwaffenbasis in Afghanistan in die Vereinigten Staaten zurücktransportiert. Durch die Umkehrung der Lieferketten des Krieges zwingt das Werk zu einer Begegnung mit den Trümmern und Abfällen, die Jahrzehnte militärischer Besatzung hinterlassen haben.

Fiberglass, paint, adhesive, resin, plaster, plastic, wood,
foam, metal, IKEA remnants, leather, deer hair, prophylactics,
and found objects, photo Robertz

medicine you want to take, 2025 (detail). Artist-made children’s
toys with taxidermied bird wings, rope, and motor, dimensions
variable, Photography by Markus
Tretter
Es gibt ungeheuer viel zu sehen und zu erleben auf dieser Biennale und das Konzept ist offen genug, um viel zuzulassen: filigrane Glassskulpturen neben hängenden seltsamen Puppen, Altäre, die an verstorbene Freunde erinnern, dröhnende Eisenrohre, die beim Fracking benutzt wurden, Film- und Videoinstallationen, Computerspiele, ein minimalistischer Hundespielplatz neben einem sanften Raum, der an das Aussterben einer Heuschreckenart erinnert und intensiv nach Vanille riecht.
Unter den vielen interessanten Videoräumen ist die Installation “Until we became fire and fire us” der palästinensischen Künstler Basel Abbas und Ruanne Abou- Rahme besonders eindrücklich. Auf verschiedenen Leinwänden dokumentieren sie ihre Suche nach etwa 500 verschwundenen palästinensischen Dörfern im heutigen Israel. In vielen Fällen ist der einzige Beweis ihrer Existenz eine einheimische extrem resistente Kaktusart. Eine Pflanze wird zum Symbol einer ganzen Generation.
Hat sich in den letzten zwei Jahren viel verändert? Ja und Nein. Es fühlt sich an, als hätte sich die Welt in mancher Hinsicht stark verändert, aber glaube nicht, dass Künstler ihre Art zu arbeiten drastisch verändert haben? Wir mussten eine andere Perspektive finden, um darüber nachzudenken, was derzeit in der amerikanischen Kunst im Allgemeinen geschieht.
Die Kuratoren haben absichtlich versucht, keine Themen zu setzen, sondern dissonante Atmosphären zu schaffen. Mit ihrer Auswahl ist es ihnen gelungen, eine engagiertere und vielfältigere Biennale zu organisieren, als vor zwei Jahren. Es macht Spass, durch sie hindurch zu gehen.

2023–25. Ultra-HD video game, color and sound, dimensions
variable. Image courtesy the artist. © Leo Castañeda and Maria
Thereza Negreiros
Die Whitney Biennale ist bis zum 23. August zu sehen.