“New Humans: Memories of the Future” – das New Museum eröffnet seine Erweiterung mit einer fulminanten Gruppenausstellung zum Thema Mensch und Technologie
von Andreas Robertz

Das New Museum ist eines der wichtigsten Museen in New York, wenn es um Trends und Innovationen in der zeitgenössischen Kunst geht. Vor allem mit Themen zentrierten Gruppenausstellungen hat es sich auch international einen Namen gemacht. Wegen seiner milchigen Aussenfassade wird das schmale, aber hohe Gebäude von vielen New Yorkern mehr oder weniger liebevoll “der Milchkarton” genannt. Zwei Jahre war das Museum geschlossen, um einen Neubau direkt neben dem Hauptgebäude hochzuziehen und mit dem alten Gebäude zu verbinden. Entstanden ist eine interessante Mischung aus horizontalen und vertikalen Elementen mit derselben milchigen Aussenfassade. Das wichtige ist aber, dass das Museum, das keine eigene Sammlung besitzt und sich als Inkubator und Laboratorium versteht, seine Ausstellungsfläche auf knapp 10 000 Quadratmeter erweitern konnte. Die Eröffnungsausstellung mit dem Titel “New Humans: Memories of the Future” – die neuen Menschen: Erinnerung an die Zukunft – zeigt die Arbeit von mehr als 200 internationalen Künstlern aus 50 Ländern zum Thema Mensch und Technologie.
Das New Museum als dynamisches Forschungslabor
Man möchte meinen, dass mehr Quadratmeter auch mehr Raum bedeutet. Aber die Ausstellung “New Humans: Memory of the Future” bringt mit ihren mehr als 700 Einzelobjekten und Installationen die schönen neuen Räume des New Museums fast zum Platzen. Und das ist Absicht, heisst es doch im Vorwort des Ausstellungskatalogs von Kurator Massimiliano Gioni, die Ausstellung behandle das Museum “weniger als einen Ort der Kontemplation sondern eher als ein dynamisches Forschungslabor”, oder besser noch wie ein Smartphone, auf dem “eine endlose Reihe von Tabs und Files gleichzeitig geöffnet sind”.
Wir dachten, die Erweiterung und der Neubau seien ein Vertrauensbeweis in die Zukunft. Und so haben wir eine Ausstellung gestaltet, die verschiedene Arten des „Neu-Seins“ hinterfragt, insbesondere wie Menschen sich im Zusammenhang mit neuen Technologien und neuen Ideen neu erfinden müssen.
Die Ausstellung stellt die Entwicklung und Atmosphäre der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und der Nachkriegszeit der 40er und 50er Jahre heutigen Entwicklungen gegenüber. Damals tauchte erstmals der Begriff „Roboter“ auf. Automatisierte Fabrikarbeit und die Anfänge mechanisierter Kriegsführung veränderten das Menschenbild, die Entwicklung neuer Medien führte zu völlig neuem Konsumverhalten. Die Erfahrung der Grausamkeit eines Weltkrieges stand der vagen Hoffnung entgegen, neue Erfindungen könnten die Menschheit retten.

Courtesy New Museum. Photo: Dario Lasagni
Die Geburt des Cyborg
Zum Beispiel die enorme Nachfrage nach Prothesen aufgrund der vielen Verwundungen von Soldaten während des ersten Weltkriegs führte zu einer völlig neuartigen Beschäftigung mit dem menschlichen Körper: Die Geburt des Cyborgs, der Idee eines kybernetischen Organismus, begann hier.
In dem Kurzfilm Da Vinci des italienischen Filmemachers Yuri Ancarani von 2012 verfolgt man einen Organeingriff mit dem chirurgischen Roboter da Vinci. Der Chirurg, der von Kopf bis Fuss in Schutzkleidung steckt, bedient die Greifarme des Roboters: Mensch und Maschine verschmelzen, nur die Schweissperlen am Halsansatz, wo man etwas Haut sehen kann, verraten, dass ein Mensch beteiligt ist.

Courtesy New Museum. Photo: Dario Lasagni
Viele zeitgenössische Künstler setzen sich mit den Folgen von Krieg und Ausbeutung auseinander. So die deutsche Filmemacherin Hito Steyerl in ihrem für die Ausstellung in Auftrag gegebenen Film “The Mechanical Kurds”: Aus verschiedenen Perspektiven folgt der Film Menschen in einem kurdischen Flüchtlingslager im Irak, die für einen Hungerlohn Datenerkennungs- und Bildsoftware für militärische Drohnen und KI Algorithmen von Amazon füttern: die unsichtbare menschliche Arbeit hinter den mächtigen KIs.
In der Ausstellung geht es weniger um neue Technologien, als vielmehr um den Mythos der Technologien. Künstler erschaffen und entlarven Mythen, vor allem diejenigen, an die wir uns in Momenten wenden, in denen wir Veränderungen erleben, die an eine existenzielle Bedrohung grenzen.
Der Mythos Technologie
Der Mythos, dass neue Technologie einen neuen Menschen erschafft, sei historisch eng mit dem Aufstieg von autoritären Machttrukturen verbunden, erklärt Kurator Massimiliano Gioni:
Wenn man von dem “neuen Menschen” sprach, bedeutete dies oft, sich Fantasien von minderwertigen Rassen auszumalen und die Biopolitik nach beängstigenden Prinzipien zu gestalten.
Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist die Halle der Roboter. Hier fordert eine KI Puppe in einer Videoinstallation der Amerikanerin Stephanie Dinkins fordert gesetzlichen Minderheitenschutz, der gläserne Mann von Franz Tschader von 1935 steht neben dem poetischen schneeweissen Torso eines Cyborg des koreanischen Künstlers Lee Bull. Von der Decke hängt in sich verkrümmt eine rote Pinocchio Figur des Amerikaners Jordan Wolfson mit dem grinsenden Gesicht von Alfred E. Neuman, dem Maskottchen der Mad-Comics, und ein lebensgrosses Originalmodell des Alien der gleichnamigen Filme des Schweizer Designers H.R. Giger sitzt sphinxartig auf dem Boden und schaut dem Betrachter direkt ins Auge.

Courtesy New Museum. Photo: Dario Lasagni

Courtesy New Museum. Photo: Dario Lasagni
Hat man sich erstmal an die Fülle der ausgestellten Arbeiten gewöhnt, ist ”New Humans: Memories of the Future” eine Ausstellung die Zyklen erkennbar und Zusammenhänge zwischen neuer Technologie, Macht und Gewalt, aber auch Faszination und Vision erlebbar macht.
Für das neue New Museum eine fulminante Neueröffnung.
Lieber Andreas,
ich freu’ mich, immer mal von Dir und von der New-Yorker Kunstszene zu lesen, in der ich mich Mitte der 80ger Jahre auch bewegt habe.
Jetzt habe ich eine Bitte an Deine Webseiten-Gestaltung.
Die Bildunterschriften in Deinen Artikeln haben eine ähnliche Farbstärke wie der Hintergrund Deiner Webseite. Zum Lesen wäre es hilfreich, wenn der Kontrast stärker wäre.
Vielleicht kannst Du das bei einer nächsten Aktualisierung berücksichtigen.
Herzlichen Gruß von
Julika.
Liebe Julika, wie schön von dir zu hören und vielen Dank für den Hinweis. Ich habe es jetzt mal fetter gemacht, aber leider erlaubt mir das System nicht, die Farbe zu wechseln. In meinem Skript ist es übrigens schwarz und auf der Webseite erscheint es dann weiss. Ich bleibe dran.
Herzlichen Gruss aus New York,
Andreas