Das Politdrama Public Charge der ehemaligen US Botschafterin Julissa Reynoso am Public Theater
von Andreas Robertz

Bühnenstücke, die sich mit internationaler Politik beschäftigen sind in den USA eher selten. Da kommt das Stück “Oslo” von J.T. Rogers über die intensiven Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern während der Oslo Abkommen 1993 in den Sinn, oder Ayad Akhtars Drama “The Invisible Hand” über Währungsmanipulationen einer islamistischen Gruppe in Pakistan, oder “Selling Kabul” von Sylvia Khoury über einen afghanischen Übersetzer in den Wirren des amerikanischen Abzugs aus Afghanistan. Das Public Theater bringt nun das autobiographische Drama der ehemaligen US Botschafterin Julissa Reynoso mit dem Titel “Public Charge” auf die Bühne – eine Geschichte aus einer Zeit, als “Diplomatie noch funktioniert habe”, wie es in der Presseankündigung heißt. Eine mehr als seltsame Uraufführung in dieser Zeit.
Die Immigrantin im State Department
Julissa Renoso, why do you wanna be an American?” “Her mother is in the United States. She works very hard in a factory in the Bronx.” “Lots of welfare mothers in the Bronx”.
Eine kleines Mädchen darf nicht in die USA einreisen, weil ihre Mutter nach Einschätzung der Behörden zu wenig verdient, um ihren Unterhalt zu gewährleisten. So beginnt die Geschichte der zukünftigen Diplomatin Julissa Reynoso. Ein paar Monate später lässt man sie dann doch ins Land. Sie wächst in New York auf, wird Anwältin, wechselt als erste Latina ins US-Aussenministerium unter der Demokratin Hillary Clinton und wird später Botschafterin in Uruguay: die unwahrscheinliche Geschichte des Aufstiegs einer Immigrantin in die Zirkel der Macht.
Ihre erste Stelle im Außenministerium ist in der Abteilung, die für Südamerika und Kuba verantwortlich ist. Hier muss sie sich gegen das dort verbreitete versteinerte Weltbild aus der Bush Ära durchsetzen.
“May I ask what exactly do you do? I mean, we don’t have a relationship with Cuba. We just sort of ignore each other?” “And it’s my job to see that doesn’t change.” “Really?”
2010 beweist sie Geschick und Instinkt in indirekten Verhandlungen mit der kubanischen Regierung; sie organisiert im diplomatischem Minenfeld einen Austausch von Spionen aus der Gefangenschaft und bereitet erfolgreich Obamas Politikwechsel gegenüber Kuba vor – nach 50 Jahren Wirtschaftsboykott .
US-Diplomatie auf der Bühne
Gespielt wird auf einer uninspirierten Bühne aus langen Podesten zwischen gegenüber liegenden Zuschauerblöcken. In einer schnellen Abfolge von 34 Szenen und mit einem 12-köpfigen Ensemble erzählt das Drama diese etwas langatmig geratene Geschichte. Dass man dennoch dranbleibt, liegt an dem gerade wieder aktuellen Hin- und Her des diplomatischen Schachspiels mit den Kubanern. Man wird allerdings das Gefühl nicht los, dass hier eine extrem geschönte Version erzählt wird. Denn Obamas Außenpolitik folgte, wenn auch mit einem sympathischeren Anstrich, derselben militärischen Doktrin von Regimewechsel, militärischer Überlegenheit und diplomatischer Arroganz, die die USA heute noch gegenüber Ländern wie Kuba oder dem Iran an den Tag legt.
Gefährliche Obama Nostalgie
Das Public Theater stellt sich gerne als Flaggschiff progressiver Theatermacher dar. Da kann man sich zu Recht fragen, warum es in einer Zeit, in der politischer Widerstand gefragt ist, auf ein Stück voll gefährlicher Nostalgie und Propaganda setzt. Nicht nur weil die kritische Sicht auf eine historische Periode fehlt. Autorin Julissa Reynoso selbst ist in den USA als Botschafterin diskreditiert:
Sie stand von 2022 bis 24 als Botschafterin in Spanien für einen vehementen pro-Israel Kurs, ignorierte die Proteste der spanischen Regierung gegen die israelische Gaza Politik und bestach Mitarbeiter des spanischen Geheimdienstes, um an kritische Informationen zu kommen. Nach nur einem Jahr musste sie abdanken.
Das alles verschweigt das Theaterstück. Am Ende sehen wir per Video Barack Obamas Regierungserklärung zur Neuorientierung amerikanischer Kubapolitik und Julissa Reynoso blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.
Die Ansprüche haben sich geändert
Intendant Oscar Eustis schreibt im Programmheft von “Public Charge” über das Stück, das Publikum werde an eine Zeit erinnert, in der Regierungsarbeit vom Feinsten geleistet wurde. Das sieht das Publikum anscheinend anders, denn neben dem freundlichen Applaus weniger und lauten Protesten anderer, verlassen die meisten sofort das Theater: ein sehr ungewöhnliches Verhalten für ein New Yorker Publikum. Die letzten Wochen, lässt sich daraus schließen, haben die Ansprüche an politisches Theater in den USA deutlich verändert.