Ein Haus aus Morgenröte


Die New Yorker Historical Society beginnt ihr Program zur Feier des 250sten Geburtstag der USA mit einer Ausstellung indigener Künstler.

von Andreas Robertz

Ein Haus aus Morgenröte
Kent Monkman (Cree, b. 1965), Study for wîcihitowin
(Helping Each Other), 2024, Acrylic on canvas, © Monkman

Die USA feiern am 4. Juli ihren 250sten Geburtstag und überall im Land werden Ausstellungen und Feiern vorbereitet. In vielen Medien beherrscht Präsident Trumps neuer Triumphbogen, der Garten der Helden und der Umbau des Weißen Hauses die Schlagzeilen zu den Feierlichkeiten, mit denen er sich vor allem selber ein Denkmal setzten will. Besonders historische Museen müssen in ihren Ausstellungen eine gefährliche Gratwanderung meistern, denn allzuschnell wird ehrliche Geschichtsdarstellung als “woke” und unpatriotisch bewertet und kann den Zorn der Trump Regierung auf sich ziehen. Da ist es fast schon subversiv, dass die Historical Society in New York ihren Ausstellungsreigen zum Jubiläum mit einer Ausstellung indigener Künstler beginnt. “House Made of Dawn” – ein Haus aus Morgenröte – heist die Ausstellung, die Kunst zum Thema Nation und Heimat von 1880 bis heute zeigt.

Originalbeitrag

Zwei Jungen stehen vor einem gewaltigen, in dramatischen Rottönen gefassten Abendhimmel auf einem Feld. Im Hintergrund: eines der berüchtigten Umerziehungsinternate für indigene Kinder. Die Kinder verbrennen Kräuter in einer kleinen Opferschale und wehen sich den reinigenden Rauch zu. In Kent Monkmans Gemälde von 2024 mit dem Titel “Helping Each Other” würdige der Maler, ein Angehöriger der Creek Nation, die Widerstandskraft indigener Kinder. Trotz der brutalen Assimilationsprogramme der Regierung bis in die 60er Jahre hinein hielten sie an ihrer Kultur fest, erklärt Kuratorin Wendy Ikemoto. Wie ist das Verhältnis der Native Americans zu den USA, einem Land, das systematisch versucht hat, ihre Kultur zu zerstören?

Wir wollen indigene Kunst, indigene Communities nicht über einen Kamm scheren. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, was Patriotismus und Nation für Menschen bedeutet, deren nationale Souveränität viel älter ist als die der USA. 

Seit 1924 besitzt jeder Native American automatisch die US-Staatsbürgerschaft, ob sie wollen oder nicht.

Ein Haus aus Morgenröte
Fritz Scholder (Luiseño, 1939–2005), Patriotic Indian, 1975, Historical Society

Manche sehen darin einen Weg, wählen und gewählt werden zu können, also an den politischen Prozessen teilzunehmen. Für Andere ist es ein Affront gegen die Souveränität ihrer eigenen Nation. Man verleiht Menschen eines souveränen Staates keine fremde Staatsbürgerschaft.

Die Ausstellung zeigt 78 Kunstwerke von mehr als 60 Künstler*innen, viele von ihnen zeitgenössisch: Gemälde, Drucke, Lithografien, Stoffe, Skulpturen und Keramiken, die das schwierige Verhältnis zu den USA in Kontext setzen. Zum Beispiel das Portrait eines indigenen Häuptlings: Sein zerfurchtes Gesicht ist mit groben Strichen in schwarzer Kohle gemalt. Er hat eine geschwärzte Friedensmedaille um den Hals.

Das Werk trägt den Titel „Indian with Peace Medal“. Die Medaille ist schwarz angelaufen und symbolisiert die Desillusionierung hinsichtlich des Versprechens von Friedens.

Andere Arbeiten zeigen dieses Verhältnis mit Humor. So wird zum Beispiel Obamas ikonisches Wahlkampfplakat von 2008 zitiert: Sein Gesicht in den Farben der amerikanischen Flagge und dem Wort “Hope” wird zum Gesicht einer Hopi Frau mit dem Wort Hopi. 

Liana Shewey ist Museumspädagogin der Historical Society und Aktivistin für die Rechte der indigenen Community in New York City mit ihren immerhin mehr als 160000 Mitgliedern. Sie findet die Ausstellung wichtig, denn die Community kämpfe immer noch um Sichtbarkeit. 

Wir müssen uns immer noch aus den Geschichtsbüchern herausholen und bekräftigen, dass wir da sind, dass wir wachsen und weiterbestehen werden. Wir gestalten unsere Zukunft über die Grenzen hinweg, die man uns aufgezwungen hat.

Es sei sehr wichtig, dass indigene Künstler in dieser Ausstellung zu Wort kämen und ihre Geschichten erzählen können, sagt sie: Geschichten von Widerstand und Solidarität zum Beispiel im Kampf gegen das massenhafte Verschwinden indigener Mädchen und Frauen oder gegen den rücksichtslosen Verkauf von Schürf- und Bohrrechten in den Reservaten oder ganz aktuell gegen die Übergriffe der Einwanderungsbehörde ICE. 

Zoë Marieh Urness (Tlingit/Cherokee, b. 1984),
Raven Tells His Story in the Fog, 2021, The New York
Historical
Benjamin L. West (Southern Cheyenne/Mvskoke
Creek/Otoe Missouria), No DAPL, 2016, The New York
Historical

Der 250ste Geburtstag der USA ist für Museumspädagogin Liana Shewey kein Anlass zum Feiern. Sie denke da an Frederick Douglass, eine der wichtigsten afroamerikanischen Stimmen des 19. Jahrhunderts. In einer berühmten Rede erklärte er, warum der 7. Juli, der Unabhängigkeitstag, für die Schwarzen Amerikaner ein Tag der Trauer und nicht der Freude ist.

250 Jahre? Das löst in mir dieselben Gefühle aus. Das sagt einfach, dass die indigene Bevölkerung schon seit 250 Jahren angesichts genozidaler Unterdrückung und Imperialismus überleben muss.

Für Kuratorin Wendy Ikemoto ist die Ausstellung ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: 

Indigene Menschen waren lange Zeit von den Versprechen von 1776 – Freiheit, Gleichheit und Demokratie – ausgeschlossen. Ich finde es bemerkenswert ihre Perspektive nun im Jahr 2026 in den Mittelpunkt zu stellen. 

Ein Haus aus Morgenröte
Leland Howard Marmon (Laguna Pueblo, 1925–2021),
White Man’s Moccasins, 1954, The New York
Historical

“House Made of Dawn” ist eine mutige und wegweisende Ausstellung, die sich eindrucksvoll gegen die Auffassung wehrt, dass die Stimme der indigenen Communities nicht mehr als eine Fussnote amerikanischer Geschichte sei. 

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