Ulysses für die Bühne 


Die New Yorker Truppe Elevator Repair Service zeigt James Joyce’s “Ulysses” auf dem Under The Radar Festival.

von Andreas Robertz

Ulysses für die Bühne 
Szenenfoto Ulysses, courtesy ERS


Seit drei Wochen feiert das Under The Radar Festival in New York internationales Theater. Nun musste die Festivalleitung eines ihrer Highlights, die Produktion “12 Last Songs” des britischen Ensembles Quarantine aus Manchester plötzlich absagen, weil das Außenministerium Visen nicht bewilligte. Der Grund: Die Mitglieder des Ensembles seien zwar britische Bürger, aber in einem der 75 Länder geboren, die zur Zeit auf der schwarzen Liste der Regierung in Washington stünden. In einem Statement der Festivalleitung heißt es, die USA als internationaler  Kulturstandort sei beschädigt. Ob das jemanden in Washington kümmert, ist sehr fraglich.

Zurück zum Festival: Das New Yorker Ensemble Elevator Repair Service, das sich auf die Inszenierung berühmter Romanen spezialisiert hat, hat sich James Joyces Meisterwerk Ulysses vorgenommen. Nach einer ersten Inszenierung am Baseler Stadttheater 2021 hat Regisseur John Collins das Stück nun mit seinem eigenen Ensemble weiterentwickelt.


Originalbeitrag

Ulysses für die Bühne 

Die Bühne besteht aus einem leeren Raum mit gestapelten Stühlen und Leitern im Hintergrund, davor steht ein langer Konferenztisch mit Unterlagen und kleinen Wasserflaschen bestückt, und unter dem Tisch, unsichtbar für das Publikum, gibt es ein schier unerschöpfliches Requisitenlager. 

He waited till she had laid the card aside and curled herself back slowly with a snug eye. Hurry up with that tea. She said I’m parched.

Über allem hängt eine große Bahnhofsuhr, die am Anfang die Zeit im Theater angibt und später den genauen Zeitpunkt im Roman. Das hilft ungemein, denn wenn man auch manchmal nicht weiß, was passiert oder wer da eigentlich spricht, weiß man doch immer, wann es passiert und, mit Hilfe eines projizierten Stadtplans von Dublin, auch wo. 

Ulysses für die Bühne 
Szenenfoto Ulysses, courtesy ERS

 But do you know what a nation means? says John Wise. Yes. says Bloom. What is it ? says John Wise, A nation ? says Bloom.

Wann. Wo. Wer.

Um vier folgt Leopold Bloom dem vermeintlichen Liebhaber seiner Frau in einen Pub, ab fünf wird schrecklich getrunken und kurz vor sechs hat Bloom eine Erleuchtung. Nach dem siebten Kapitel erscheint ein Erzähler und erklärt – unter großem Gelächter im Publikum -, dass der Roman ab jetzt experimenteller wird und dass alles auf der Odyssee beruht, aber das sei nicht wirklich wichtig. Regisseur John Collins:

Einerseits ist es eine Geschichte über einen Mann, der an einem ganz normalen Tag durch die Stadt läuft und dabei verschiedenen Menschen begegnet. Aber andererseits ist es aus stilistischer und literarischer Sicht sehr kompliziert. Es gibt so viele verschiedene Arten des Schreibens, und je weiter man in das Buch hinein liest, desto wilder und vielfältiger werden sie.

Ulysses für die Bühne 
Szenenfoto Ulysses, courtesy ERS

Das Theater erweist sich als optimales Medium, dieses literarische Monstrum zu bändigen. Das gilt vor allem für die vielen inneren Monologe der Figuren und die plötzlichen Wechsel der Erzählperspektive hin zu einem Erzähler in der dritten Person. Die 18 Kapitel des Romans mit den vielen Szenen, inneren Stimmen und ausufernden Beschreibungen liefern dem siebenköpfigen Ensemble ein ungemein lustvolles Spiel-Feld. Regisseur John Collins erklärt den roten Faden, der dem Abend Struktur gibt:

Irgendwann sieht man, dass sich kleine erzählerische Motive durch das Ganze ziehen, kleine wiederkehrende Erzählstränge, die in fast jedem Kapitel auftauchen. Und so haben wir begonnen, diese herauszuarbeiten.

Zum Beispiel, wenn Bloom dem vermeintlichen Liebhaber seiner Frau begegnet, oder an seinen kleinen verstorbenen Sohn denken muss. An solchen Stellen verlangsamt sich die rasante Inszenierung. Und weil es unmöglich ist, die 1000 Seiten des Romans in zwei Stunden und vierzig Minuten zu erzählen, wird der Text immer wieder wie auf einem Tonband vorwärtsgespult, die Spieler werden dann wie in einer Achterbahn in ihre Stühle gedrückt, oder sie tänzeln wie im Zeitraffer durchs Geschehen, nur um quietschend im nächsten Dialog zu landen: ein besonders schönes Stilmittel, um auch die absurden Momente im Roman einzufangen. 

His hardest stir he pushed in the door of the Burton Restaurant. Roast beef and cottage one! Stew! Smells of man…

Szenenfoto Ulysses, courtesy ERS
Szenenfoto Ulysses, courtesy ERS

Das perfekt aufeinander eingespielte Ensemble meistert den komplizierten Text mit Bravour und erschafft trotz allem Klamauk immer wieder sehr stille Momente. Zum Beispiel, wenn Bloom, der Jude ist, durch die Strassen läuft und antisemitischem Klatsch aus einem Fenster zuhört, oder wenn er einsam masturbiert, während eine Frau am Strand ihre Beine entblößt und ein Feuerwerk den Himmel erleuchtet. Danach überkommt ihn die große Leere.

Diese Stelle ist übrigens der Grund, warum der Roman nach seinem Erscheinen 1922 in Irland und den USA verboten wurde.

Für mich ist die größte Leistung des Romans, dass er innere Gedanken verkörpert, als wäre das sein eigentliches Ziel: uns das Gefühl zu vermitteln, wie es ist, zu denken und Bewusstsein zu haben

Dem Elevator Repair Service ist mit Ulysses gelungen, diese Lust am Denken gekonnt auf die Bühne zu bringen.

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