Heilen ist Widerstand


Über eine Welt jenseits von Bestrafung – Samora Pinderhughes im MoMA

von Andreas Robertz

Heilen ist Widerstand
Samora Pinderhughes and Christian Padron. Still from REAL TALK. 2025. Courtesy the artist.

Es sind schockierende Bilder, die in den USA dieser Tage aus Minneapolis kommen. Der massive Einsatz der Einwanderungsbehörde ICE, des US Bundesgrenzschutzes und des FBI in Minneapolis gegen den Willen der örtlichen Behörden und des Governors führt zu immer mehr Opfern, zuletzt am Samstag, als Alex Pretty, ein 37 jähriger Krankenpfleger von Beamten ins Gesicht gesprüht, zu Boden gezerrt, getreten, geschlagen und dann mit insgesamt 10 Schüssen erschossen wurde. Offizielle Begründung: der Mann hätte die Beamten mit einer Waffe bedroht – Videoanalysen der New York Times und vieler unabhängiger Medienorganisatoren beweisen allerdings das Gegenteil. Wie verhält man sich angesichts dieser Gewalt? Wie kann man die Wunden heilen, die Gewalt den Menschen zufügt? 

Der US amerikanische Musiker und Komponist Samora Pinderhughes (Samora Pinder-juus) arbeitet seit Jahren an der Schnittstelle von Musik und Aktivismus. Er verbindet Einflüsse aus Jazz, Klassik und Hip-Hop und thematisiert systemische Probleme wie Inhaftierung, rassistische Ungerechtigkeit und Gewalt. Das MoMA in New York stellt nun seine neuste Arbeit und eine ganze Reihe von Performances unter dem Titel: “Call and Response” vor. 


Originalbeitrag

Real Talk

Zwei Männer vor einem Reihenhaus, der Ältere nimmt die Koffer des Jüngeren aus dem Kofferraum. Der Jüngere umarmt den anderen, erst umständlich wegen der Koffer, dann umso intensiver, als hätten beide sich lange nicht gesehen. Schnitt auf eine Leiche in einem offenen Sarg, ein Frau in hellem Kostüm mit gefalteten Händen. Jemand steckt ein Blume zwischen ihre Hände. Schnitt. Kinder auf dem Rasen hinter dem Haus. Man hört ein Fragespiel, die Mutter fragt, der Sohn antwortet: Morgen? Scheitere, wo du scheitern musst, Geheimnisse? Vor der Regierung, aber nicht vor dir selbst, Ziele? Alt werden und erfüllt leben, Musik? In meinem Kopf. 

Kuratorin Martha Joseph hat Samora Pinderhughes während seiner Residenz am MoMA ein Jahr lang bei seines unterschiedlichen Projekten begleitet. Ein Ergebnis ist sein Film “Real Talk”. 

Samoras Arbeit basiert auf  Interviews, genauer gesagt, auf Interviews, die er mit Personen über ihre persönlichen Erfahrungen mit struktureller Gewalt, Inhaftierung, Armut und Rassismus geführt hat. 

Der Film wird in einem Videoraum auf zwei Leinwänden gezeigt. In der Mitte des Raumes ein Flügel auf einem Podest mit verstreuten Rosenblätter um ihn herum, dazu aufgeblätterte Briefe und gerahmte Zeichnungen von Gefängnisinsassen. Alles erinnert an einen Altar. 

Samora hat drei Schauspieler für diesen Film engagiert. Er selbst kommt nicht darin vor, aber seine Musik ist zu hören. Der Film folgt einer fiktionalen Geschichte, basiert aber auf wahren Begebenheiten und Motiven aus Interviews.

Der Film handelt von der Trauer zweier sich fremd gewordener Brüder und wie diese Trauer sich über Sprachlosigkeit, Wut, Trauer und Verzweiflung äussert. Immer öfter unterbrechen Bilder von Kindheit die Handlung. Ein dritter Bruder, der jüngste der drei, sitzt im Gefängnis und kann sich nicht von der Mutter verabschieden. Die Trauer handelt auch von der Abwesenheit dieser Personen. Immer mehr mischen sich assoziative Bilder in die Geschichte: Ein Mann am Ufer des Meeres mit Schwimmgesten, ein Mann, der einen Sarg über eine Wiese zerrt, bis er zusammenbricht, ein Tisch voller Apfelsinenschalen. Je länger der Film dauert, umso intensiver wird die Musik.

Heilen ist Widerstand
Samora Pinderhughes and Christian Padron. Still from REAL TALK. 2025. Courtesy the artist.
Heilen ist Widerstand
Samora Pinderhughes and Christian Padron. Still from REAL TALK. 2025. Courtesy the artist.

The Healing Project

Samora Pinderhughes ist in den USA vor allem durch seine Multimedia Initiative “The Healing Projekt” bekannt geworden. Der heute 35 jährige Musiker befasst sich darin mit den Folgen von Masseninhaftierungen und fragt, wie eine Welt ohne Bestrafung aussehen könnte?

Heilen ist Widerstand
Samora Pinderhughes. The Healing Project. 2023. Performed in the Judy and Arthur Zankel Hall at Carnegie Hall. Photo: Lawrence Sumulong

Ein großer Teil seiner Arbeit konzentriert sich auf die Schaffung von sogenannten “Sonic Healing Rooms”. Diese stehen ganz im Zeichen der Idee, dass eine Community zusammenkommt, singt, sich austauscht und zuhört – Zuhören als eine ethische und soziale Praxis. 

Am Ende des Films besuchen die beiden Brüder ihren Bruder im Gefängnis. In schnellem Staccato sieht man Luftaufnahmen von Gefängnissen. 

Heilen ist Widerstand

“Call and Response” ist keine Ausstellung im herkömmlichen Sinne, sondern neben dem Videoraum vor allem eine Reihe von Performances, die daran erinnern sollen, dass die Heilung von individueller und struktureller Gewalt eine Anstrengung vieler sein muss.

Für Kuratorin Martha Joseph die richtige Ausstellung zur richtigen Zeit:

Diese Arbeit ist unglaublich aktuell. Strukturelle Gewalt ist tief in der Geschichte der Vereinigten Staaten verwurzelt, und ein Großteil dieser Ausstellung befasst sich damit. Samora erinnert uns immer wieder daran, dass wir innerhalb unserer Communities diese Welt zu einem Ort machen können, der unsere Werte widerspiegelt, wenn wir uns gegenseitig helfen.

Es wäre toll gewesen, wenn die Ausstellung die Erfahrung eines dieser “Sonic Healing Spaces” beinhalten würde. Doch das geht natürlich nicht, denn diese Räume leben davon, dass die Beteiligten sich sicher und aufgehoben fühlen. Heilung ist vor allem ein emotionaler Prozess, den der Künstler in Musik umsetzt. Seine Platte “Grief” war für die Musikkritiker der New York Times das beste Jazz Album von 2022. Man darf auf die kommenden Performances gespannt sein. 

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