Das Under The Radar 2026 in düsteren Zeiten
von Andreas Robertz

Jedes Jahr im Januar findet in New York das internationale Theaterfestival Under The Radar statt. Mit mehr als 30 eingeladenen Produktionen und 24 Veranstaltern ist es mittlerweile das grösste internationale Theaterfestival in den USA. Dieses Jahr scheint das Interesse sogar noch gestiegen, obwohl die unzähligen Einreise- und Visabeschränkungen der Trump Regierung den internationalen Gastspielbetrieb deutlich schwieriger gemacht haben.
Aber auch inhaltlich dürfte es interessant werden, denn die politische Wetterlage hat sich im letzten Jahr ja noch mal deutlich verschlimmert. Die Aussage von Donald Trump vom Wochenende, die schwarze Bürgerrechtsbewegung habe den Weißen im Lande großen Schaden zugefügt, spricht da Bände. Andreas Robertz hat sich die Auftaktveranstaltungen für uns angesehen.
Homage an einen Freund
Los Angeles, 1983: der schwarze Rapper Roger Guenveur Smith wird nach einem Konzert von einem jungen Mann angesprochen. Er möge dessen Texte – ob er sich vielleicht mal mit ihm treffen wolle? Sein Name: Jean-Michel Basquiat. Der berühmte New Yorker Künstler lebte damals für zwei Jahre in L.A., um in Ruhe zu malen und Ausstellungen vorzubereiten.

He invited me very generously into his studio where he was working, and I’m throwing down some Frederick Douglas and some Shakespeare, and he’s on his knees and he’s transcribing my proposition and crossing it out canceling to reveal.
Basquiat lud Smith in sein Atelier ein und malte, während Smith über Shakespeare und Frederick Douglas improvisierte. Es entstand eine Freundschaft, die bis zum frühen Tod Basquiats 5 Jahre später dauern sollte. Smith wurde später ein bekannter Spike Lee Schauspieler. In einem einstündigen spoken word Monolog erinnert Smith an seinen Freund und was es bedeutet hat, in der politischen Atmosphäre der 80er Jahre als schwarzer Mann aufzuwachsen. Seltene persönliche Einblicke in die Biografie dieses einzigartigen Malers, der nur zwei Blöcke vom Theater entfernt an einer Überdosis starb.
Licht in der Dunkelheit
Das Under The Radar Festival findet wie in den letzten Jahren überall in der Stadt statt. Das Programm entsteht im Dialog mit den Dramaturg*innen der Aufführungsorte. Für Gründer Mark Russell ist das Festival ein Stück Hoffnung:
Dies ist eine extrem besorgniserregende Zeit. Es ist völlig unfassbar, was gerade passiert und doch sind die Arbeiten hier in gewisser Weise noch stärker und mutiger geworden. Alles sieht so düster aus, aber bei diesem besonderen Festival findet man viel Licht.
Fantasie einer post-woken Welt
Das Ensemble The Team aus Brooklyn beschäftigt sich mit US amerikanischer Geschichte und was es bedeutet, gerade jetzt in diesem Land zu leben.
Ihr neues Stück “Reconstructing”, das am Brooklyn College uraufgeführt wird, ist ein Abend wie ein Flickenteppich: Es geht um die schwierige Wiederaufnahme einer Theaterproduktion nach George Floyd, Covid und Donald Trump; um die Dekonstruktion der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, die sich “Reconstruction” nennt; und um eine schwarze Komponistin und einen weißen Percussionisten, die sich immer wieder fragen, ob sie angesichts ihrer unterschiedlichen Realitäten eigentlich an demselben Tisch sitzen. Die sechsköpfige Truppe macht dazu wunderbare Musik, diskutiert, tanzt, und entwickelt nicht ohne Ironie die Fantasie einer post-woken Welt, die auf ein Miteinander setzt – eine Welt, die sich ihrer Vergangenheit bewußt ist.
Mutter-sein
Ein anderer Spielort, das Skirballcenter der New Yorker Universität, und eine ganz andere Welt: Mario Banushis Inszenierung “Mami”, die letzten Sommer beim Theaterfestival in Avignon gefeiert wurde. Der junge albanische Regisseur zeigt eine poetische Meditation zum Thema Mutter-sein; der Titel eine Verschmelzung des Wortes Mutter und Essen. Auf der Bühne eine kleine graue Hütte und eine einsame Straßenlaterne, der Boden besteht aus Mulch und Sand, über dem Ganzen die Illusion einer Nebelbank. Wie Tänzer bewegen sich die oft nackten Figuren in einem gleichmäßig stillen Rhythmus und entwickeln dabei immer wieder starke Bilder: Ein Mann wechselt die Windeln einer alten Frau und füttert sie, eine Schwangere bringt unter Schmerzen ein Kind zur Welt, eine Hebamme schüttet weisse Milch in ein Wasserbassin, in dem sich kurz vorher eine junge Frau zu ertränken versucht hat. Immer wieder ertönt eine einzelne Kirchenglocke, ein junger Mann spielt für seine Mutter auf einer Klarinette. Ein toller Abend, ungewöhnlich aufwändig produziert für ein experimentelles Theaterfestival.

Ein Recht auf Theater
Zurück in Brooklyn: In der Lobby des Brooklyn College lässt es sich New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani nicht nehmen, dem Festival zu danken, dass es Freikarten ausgibt – 1500 insgesamt. Günstige Theaterkarten, so sagt er, gehören zu seinem Wahlversprechen, die Stadt wieder erschwinglicher zu machen. Menschen hätten ein Recht auf Theater. Darin sind sich der Bürgermeister und die Festivalleitung einig.

