Helene Schjerfbeck im MET

Das Met Museum zeigt als erstes Museum in Nordamerika eine Retrospektive der berühmten finnischen Malerin.

von Andreas Robertz

Helene Schjerfbeck im MET
Helene Schjerfbeck, Helsinki 1862–1946, Silence,1907
Tempera and oil on canvas, Photo: Seppo Hilpo


Helene Schjerfbeck ist die berühmteste Malerin Finnlands. Geboren 1862, malte und zeichnete sie täglich über 60 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1946 – ein enormes Werk. Ihr Porträt ist auf der 2-Euro-Münze Finnlands, ihre Bilder in Schweden und Finnland allgegenwärtig. Eine Soloausstellung an der Schirn Kunsthalle in Frankfurt brachte sie 2014 einem grösseren deutschen Publikum näher. Ihr damaliger Direktor Max Hollein schrieb im Vorwort des völlig vergriffenen Katalogs, sie sei eine eindringliche Malerin von epochaler Bedeutung. In den USA ist sie dagegen bis heute fast völlig unbekannt. Eine Soloausstellung mit dem schönen Titel: “Seeing Silence: The Paintings of Helene Schjerfbeck” am MET in New York soll das nun ändern, dessen jetziger Direktor kein anderer als Max Hollein ist. 


Originalbeitrag

Helene Schjerfbeck im MET

Für Max Hollein war das Werk von Helene Schjerfbeck eine echte Entdeckung:

Wir waren damals in Finnland unterwegs, haben geschaut, was wären Themen. Und wir sind da auf das Werk von Helene Schjerfbeck gestoßen, und auf die faszinierende Geschichte, sowohl die Lebensgeschichte als auch die Rezeptionsgeschichte.

Den Anstoss für die Ausstellung am MET gab dann ein Brief.

Der war gar nicht an mich adressiert, die haben einfach an den Direktor des MET geschrieben – und wahrscheinlich haben die ja 17 andere amerikanische Museen angeschrieben –  ob man nicht eine Helen Schjerfbeck Ausstellung machen würde. Und sie wussten nicht, dass es da eine Person gibt, die Helen Schjerfbeck Fan ist und das sehr gut kannte und so, ist diese Ausstellung hier entstanden.

Helene Schjerfbeck hatte keine einfache Kindheit: als kleines Kind brach sie sich durch einen Sturz die Hüfte und war lange Zeit bettlägerig. Eine Verwandte schenkte ihr Zeichenblock und Stifte und eine Leidenschaft begann, die ihr ganzes Leben bestimmen sollte.

Helene Schjerfbeck, Fête Juive (Sukkot),1883
Oil on canvas, Photo: Matias Uusikylä / Signe and Ane Gyllenberg
Foundation
Helene Schjerfbeck, The Death of Wilhelm von Schwerin, 1886
Oil on canvas, Photo: Turku Art Museum / Vesa Aaltonen

Ein ungeheures Talent

Als junge Frau machte sie sich bereits einen Namen für ihr ungeheures Talent und ihre präzise Technik, sei es in Landschaftsmalerei, Aktmalerei, Portraits, Stilleben oder Historiengemälden, einem Genre, das eigentlich Männern vorbehalten war. Sie studiert in Paris, reiste und lehrte in Helsinki. Doch mit 40 zieht sie sich aus gesundheitliche Gründen vom Lehrbetrieb zurück und zieht in die finnische Kleinstadt Hyvinkää, wo sie ihre Mutter pflegte. In dieser relativen Isolation entwickelt sie ihren ganz eigenen Stil zwischen Realismus und Abstraktion. Für Kuratorin Dita Armory entscheidende Jahre der Malerin: 

Helene Schjerfbeck im MET
Helene Schjerfbeck, Girls Reading, 1907, Watercolor, gouache, and pencil on paper
Photo: Finnish National Gallery / Hannu Aaltonen

In dieser Zeit schuf sie meiner Meinung nach einige ihrer schönsten Gemälde, Interieurs, für die sie lokale Ladenbesitzer und Nachbarn als Modelle verwendete. Diese Gemälde vermitteln mir eine gewisse Stille, eine gewisse Ruhe, und sie geben einem ein gutes Verständnis für die Entwicklung ihrer Malerei, ihrer malerischen Sprache.

Zum Beispiel Frauen beim Lesen in hellen Kleidern auf mit weissen Leinen verkleideten Stühlen, der Hintergrund aus hellgrünen abstrakten Flächen, die Räume suggerieren, alles in einem gleichmässigem sanften Licht. Oder ihre Mutter in einem pechschwarzen Kleid auf einem hellen Stuhl beim Nähen: 

Das Schöne an diesem Bild ist, dass es ihr Alter und die arthritischen Hände beim Nähen einfängt. Ihre Modelle schauen immer weg. Sie schauen sie nie an, und ich glaube, das war ihre Anweisung. Sie arrangierte die Models in einer Komposition und bat sie dann, den Raum zu verlassen, sobald sie ihr Bild im Kopf hatte. Dann vollendete sie das Gemälde alleine. Mit anderen Worten, sie wollte nicht davon beeinflusst werden, dass jemand mit ihr im Raum war.

Helene Schjerfbeck, At Home (Mother Sewing), 1903
Oil on canvas, Photo: Turku ArtMuseum / Kari Lehtinen

Selbstportraits als emotionale Bestandsaufnahmen

Die Ausnahme bilden ihre Portraits und Selbstportraits, die ebenfalls von einer eigenwilligen Stille bestimmt sind, mehr wie festgehaltenen Momente, als individuelle Portraits. Für Max Hollein sind Schjerfbecks Portraits vor allem Darstellungen emotionaler Zuständen. 

Und emotionalen Zuständen die man sieht in seinem eigenen Gesicht als Selbstporträt, in Gesichtern von anderen, in gewissen Szenen, die durchaus auch schöpfen können aus der Kunstgeschichte, aber, sagen wir, mit einem gefrorenen Blick etwas festhalten, das eine gewisse Kühle hat, manchmal auch eine Stille, aber ganz stark in das Zentrum eines Sentiments trifft.

Die Ausstellung folgt chronologisch dem Schaffen Schjerfbecks, nur der letzte Ausstellungsraum ist ganz ihren Selbstportraits gewidmet, von denen viele aus ihren letzten Jahren in einem schwedischen Hotel im Exil stammen und die ihren eigenen körperlichen Zerfall dokumentieren. Ihr seltsam verzerrtes Gesicht in blassen Farben, das immer mehr von schwarzen hohlen Augäpfeln dominiert wird und langsam in einen aschgrauen Hintergrund zu verschwinden scheint.

Helene Schjerfbeck, Self-Portrait with Black Background, 1915, Oil on canvas, Photo: Finnish National Gallery / Hannu Aaltonen
Helene Schjerfbeck, Self-Portrait with Red Dot
1944, Oil on canvas, Photo: Finnish National Gallery / Hannu Aaltonen
Helene Schjerfbeck, Self-Portrait, Light and Shadow, 1945, Oil on canvas, Photo: Matias Uusikylä / Signe and Ane Gyllenberg Foundation

Diese Bilder sind natürlich von einer Eigenartigkeit und Eigenständigkeit und von einer emotionalen Wucht, die einen fast den Atem verschlägt.

“Seeing Silence: Paintings of Helene Schjerfbeck” ist eine atemberaubend schöne Ausstellung, die längst überfällige Einführung einer grossen Malerin der Moderne für ein amerikanischen Publikum.  

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. April in New York zu sehen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *