Der Arbeitsplatz als Schlachtfeld

Uraufführung „Jordans“ von Ife Olujobi am Public Theater

von Andreas Robertz

Der Arbeitsplatz als Schlachtfeld
Naomi Lorrain in the world premiere production of Jordans, written by Ife Olujobi and directed by Whitney White. Photo credit: Joan Marcus.

Der US-amerikanische Filmregisseur Jordan Peele ist durch Filme wie „Get out“ und „Us“ bekannt geworden. Mit ihnen hat er ein völlig neues Genre erschaffen: den „race concious“ Satire-Horror-Film. Während in vielen klassischen Horrorfilmen schwarze Charaktere oft die ersten sind, die sterben müssen, sind sie in Peeles Filmen die Hauptfiguren, und mit ihnen immer auch das Thema Rassismus. Die junge nigerianisch-amerikanische Autor*in Ife Olujobi scheint ein echter Fan von Peele zu sein, denn ihr Debut am Public Theater spielt mit ähnlichen Elementen. Vielleicht hat sie es deshalb auch „Jordans“ genannt.


Originalbeitrag

Modern und minimalistisch – so präsentiert sich das Foyer der Atlas Studios: weiße Wände, Glastüren und vielseitig einsetzbares Mobiliar. Hier geben sich Modefotografen und Werbefilmproduzenten die Hand, hier werden Werbekonzepte entworfen und Kampagnen vermarktet. In Matt Saunders schicker Bühne bedarf es oft nur weniger Handgriffe, um aus einem Fotostudio einen Konferenzsaal oder einen Event-Raum zu machen. Diejenige, die diese Handgriffe macht, ist Jordan: Rezeptionistin, Sekretärin, Hausmeisterin und Putzfrau in einem und die einzige Schwarze in der ansonsten weißen Belegschaft. In einem Interview mit dem Public Theater erzählt Autorin Ife Olujobi vom autobiographischen Hintergrund in „Jordans“:

Der Arbeitsplatz als Schlachtfeld
Meg Steedle, Naomi Lorrain, Brian Muller, and Matthew Russell in the world premiere production of Jordans, Photo credit: Joan Marcus.
Der Arbeitsplatz als Schlachtfeld
Brian Muller, Ryan Spahn, and Matthew Russell in the world premiere production of Jordans, Photo credit: Joan Marcus.

Ife Olujobi, courtesy of the artist

Als ich in meinen Zwanzigern bei verschiedenen superschrecklichen Filmproduktionsfirmen gearbeitet habe, hat mich das sehr geprägt. Ich wollte eine Geschichte über die Erfahrung schreiben, die einzige Person in einer superweißen Umgebung zu sein und was das mit deiner Psyche macht.

Meine Seele hat diesen Ort verlassen

Jordan hat sich mit den vielen kleinen und großen Demütigungen arrangiert. Wie sie es ausdrückt: „Ihre Seele hat schon vor langer Zeit das Gebäude verlassen.“ Um dem neuen Zeitgeist von Diversität und Inklusion gerecht zu werden, beschließt Studiochefin Hailey einen Art-Director einzustellen, der das Image des Studios aufpeppt und damit neue, bisher übersehene Kundengruppen anlockt. Herrlich, wie die weiße Belegschaft minutenlang nicht versteht, wovon ihre Chefin spricht. Der neue Mann ist schwarz und heißt ebenfalls Jordan: gewinnendes Grinsen, nette Klamotten, große Worte. Er hält sich für den Pionier einer neuen schwarzen Elite, die für einen Geist von Professionalität steht, deren Früchte an die Generation nach ihm weitergegeben werden kann.

Ich habe mich in diesem Umfeld wirklich an andere Menschen meiner Hautfarbe geklammert, als Freunde und Rettungsinseln. Aber in diesem Umfeld werden wir oft gegeneinander ausgespielt. Dies ist eine solche Geschichte von zwei Menschen, die gegeneinander ausgespielt werden, mit katastrophalen Folgen.

Der Arbeitsplatz als Schlachtfeld

Die weißen Mitarbeiter machen sich nicht mal die Mühe ihren Rassismus zu verstecken. Sei es das absichtliche Verschütten eines Kaffees, das dauernde Verwechseln der beiden Jordans, oder die totale Ignoranz gegenüber ihrer Anwesenheit – auch wenn sie oft urkomisch ist. Zum Beispiel wenn zwei Mitarbeiterinnen der Chefin eine Kampagne gegen die Überforderung von Frauen am Arbeitsplatz vorschlagen, während Jordan im Hintergrund riesige Blumentöpfe eine Treppe hochwuchtet. Oder wenn die ältere Jordan dem neuen Jordan erklärt, er habe diesen Job nur bekommen, weil einige Weiße sich schuldig fühlen, dass so viele Schwarze ermordet werden.

Naomi Lorrain and Toby Onwumere in the world premiere production of Jordans, Photo credit: Joan Marcus.
The company of the world premiere production of Jordans, Photo credit: Joan Marcus.

Diversity, Equity, and Inclusion

Dramatikerin Olujobi hat sich für ihr Stück ein gutes Thema ausgesucht: die sogenannten DEI Initiativen. DEI steht für „Diversity, Equity and Inclusion“. Sie waren in der Folge der Demonstrationen nach dem Tod von George Floyd aus dem Boden geschossen. In vielen Firmen und Institutionen wurden geradezu verzweifelt Afroamerikaner und People of Color in Führungs- oder Beraterpositionen eingestellt. Da aber an den internen Abläufen oder Werten dieser Institutionen nichts geändert wurde, haben viele von ihnen wieder gekündigt oder wurden eingespart.

Im zweiten Teil des Abends wird dann aus der Parodie ein Alptraum: Als das Studio zu einem Gefängnis umgestaltet wird, um eine Werbekampagne für die Uhrenkollektion eines Rappers zu starten, muss Jordan einen orangenen Overall überziehen. Sie macht dann aus der Party ein Blutbad. Für ein amerikanisches Publikum ist das ein verstörendes Ende. Einige verlassen kopfschüttelnd den Saal, während andere völlig begeistert Standing Ovations geben. Dieser Abend scheint niemanden kalt zu lassen – ein beeindruckendes Debut für Ife Olujobi.

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