Ein Bollwerk der Hoffnung


Das Studio Museum in Harlem eröffnet nach Jahren des Umbaus seine Tore.

von Andreas Robertz

Ein Bollwerk der Hoffnung
The Studio Museum in Harlem-25-03, Location: New York NY, Architect: Adjaye Associates, Client: The Studio Museum in Harlem


1968 war ein dramatisches Jahr des Umbruchs in den USA: Martin Luther King Jr. und der demokratische Präsidentschaftsanwärter Robert F. Kennedy waren ermordet worden, überall im Land wurde gegen Vietnam Krieg und Rassendiskriminierung demonstriert und der wiedergewählte Richard Nixon versprach mit harter Hand gegen Radikalismus und Chaos durchzugreifen. In dieser Atmosphäre gründeten Künstler, Aktivisten, Philanthropen und Anwohner aus Protest über den Ausschluss schwarzer Künstler von den weissen Kunstinstitutionen der Stadt in Harlem einen Platz für schwarze Künstler, eine Mischung aus Studio und Galerie. Das Studio Museum in Harlem war geboren und damit die erstaunliche Erfolgsgeschichte einer Institution zwischen Widerstand und Innovation. 2018 schloss das Museum, um komplett umgebaut zu werden. Dieses Wochenende, 8 Jahre später, wird das berühmte Museum neu eröffnet. 



Die 125ste Strasse in Manhattan ist das Zentrum Harlems. Hier ist das berühmte Apollo Theater, die Schomburg Bibliothek für Schwarze Kultur, das Black National Theater und das Black Dance Theater zu Hause, und der nagelneue Museumsbau des Studio Museums. Ein anthrazitfarbener Block aus übereinandergestapelten horizontalen und vertikalen Quadern – der minimalistische, sieben Stockwerke hohe Bau strahlt vor allen eines aus: Selbstbewusstsein. Eine grün-schwarz-rote US Fahne des Konzeptkünstlers David Hammons weht am Eingang, eine Anspielung auf die pan-afrikanische Flagge der Schwarzen Nationalisten der 20er Jahre. Hohe Fensterfronten und Lichtnischen lockern die Fassade auf, laden zum Eintreten ein. Kuratorin Connie Choi erklärt, wie viel Stadtgeschichte in die Architektur des neuen Gebäudes eingeflossen ist.

Die Architektur dieses Gebäudes, die Formen und Umrisse spiegeln die Nachbarschaft in Harlem wieder. Das war unsere Vorgabe an die Architekten. Wir wollten ein Gebäude, das unsere Verbundenheit mit Harlem zum Ausdruck bringt. Hier wurden wir gegründet, hier befinden wir uns, und hier werden wir auch weiterhin leben.

Ein Bollwerk der Hoffnung
The Studio Museum in Harlem-25-03, Location: New York NY, Architect: Adjaye Associates, Client: The Studio Museum in Harlem
The Studio Museum in Harlem-25-03, Location: New York NY, Architect: Adjaye Associates, Client: The Studio Museum in Harlem

Da sind zum Beispiel die riesigen Fenster auf Strassenebene, die an die Ladenkirchen in Harlem erinnern, oder das Atrium im Eingangsfoyer mit durchgehenden, nach unten führenden Sitzstufen in Anlehnung an die “Stoops” – die Treppenstufen, die in die Eingänge der typischen “Brownstone” Häuser Harlems hochführen und Teil des öffentlichen Strassenlebens sind. Die riesigen Worte Me und We – ich und wir – hängen dort programmatisch in weissem Neonlicht auf schwarzer Wand, eine Installation von Glenn Ligon mit dem schönen Titel “Give us a Poem” von 2007.

Ein Bollwerk der Hoffnung
The Studio Museum in Harlem-25-03, Location: New York NY, Architect: Adjaye Associates, Client: The Studio Museum in Harlem

Auf fünf Etagen kann das Museum nun endlich grosse Teile seiner Sammlung zeigen, mit Werken von Jean-Michel Basquiat, Faith Ringgold, Jacob Lawrence oder Kerry James Marshall. In der Mitte des Museums ein massives, schwarzes, frei stehendes Granittreppenhaus. Immer wieder bilden die Treppenabsätze Balkone, von denen man verschiedenen Blickwinkel in die Räume darunter hat. Dadurch wirkt das relative kleine Museum gross und weitläufig. 

Jeder Ausstellungsraum im Inneren habe einen anderen Charakter, erklärt Kuratorin Connie Choi

Der Ausstellungsraum, in der die Tom Lloyd Ausstellung ist, erinnert zum Beispiel an einen Zufluchtsort. Er ist doppelt so hoch wie die anderen Räume und hat ein Tonnengewölbe, die die Bedeutung der schwarzen Gotteshäuser in Harlem, die Kirchen und Moscheen, widerspiegelt.

Als Eröffnungsausstellung zeigt das Museum die Lichtobjekte des Künstlers Tom Lloyd, mit dem das Museum 1968 eröffnet wurde. Die in verschiednen Farben flackernden Objekte aus meist geometrischen Formen, die an Strassenschilder oder Lichtreklame erinnern, stellten damals eine radikal andere Form von Kunst vor und zeigten, was alles Kunst sein kann. 

Tom Lloyd glaubte fest an den Zugang zu Kunst für alle, nicht nur für die schwarze Community, sondern für alle Menschen. Und so wurden seine Werke, diese elektronisch programmierten Lichtskulpturen unter Verwendung von Materialien hergestellt, die überall erhältlich waren.

Zum Beispiel Weihnachtsbeleuchtung und Rückleuchten von Autos. Wie bei einer Spieluhr programmierte er das Flackern seiner Lichtobjekte mithilfe von Lochkarten.

Tom Lloyd (installation view), 2025. Courtesy
Studio Museum in Harlem. Photo: Kris Graves

Wie Lloyd verstand sich das junge Studio Museum selbst als Pionier unter den Museen New Yorks – nicht nur in Bezug auf Black Art, sondern in Bezug auf zeitgenössische Kunst überhaupt, denn 1968 gab es unter den Museumsinstitutionen der Stadt keine, die sich ausschliesslich lebenden Künstlern widmete. 

Doch wie sieht sich das Museum heute? Harlem ist ein, durch Gentrifizierung stark bedrohtes Viertel Manhattans. Kuratorin Conny Choy sieht das eher gelassen:

New York City verändert sich ständig, aber die Geschichte von Harlem wird sich nicht ändern. Wir sind ein historisch schwarzes Viertel. Wir werden weiterhin Kulturgeschichte schreiben, allein schon dadurch, dass wir in diesem Viertel ansässig sind. Ich verstehe die Schwankungen der Bevölkerungszahlen, aber wann immer ich auf der 125sten Strasse bin und vor dem Gebäude stehen bleibe, sagt mir jemand, dass das hier ein Museum für schwarze Kunst ist. 

Autor: Hat man die revanchistische Kulturpolitik Washingtons im Auge, wirkt das neue Studiomuseum wie ein Bollwerk der Hoffnung. Über 300 Millionen Dollar privater Spenden haben es möglich gemacht. Harlem hat endlich sein eigenes Museum.