Das Guggenheim Museum in New York würdigt Rashid Johnson mit einer grossen Werkschau.
von Andreas Robertz

Ceramic tile, black soap, and wax
Wenn das Guggenheim Museum in New York eine zeitgenössische Künstler*in mit einer Retrospektive würdigt, dann ist das ein Karriere veränderndes Ereignis. Chefkuratorin Naomi Beckwith, die 2027 die 16. Dokumenta in Kassel kuratieren wird, bringt nach dem Chicagoer Künstler Nick Cave nun mit dem New Yorker Rashid (Ra_sheed) Johnson zum zweiten Mal in kurzer Zeit einen jungen Künstler in die berühmte Rotunda, den sie aus ihrer Zeit am Museum für Contemporary Art in Chicago kennt. Seine Arbeiten wurden mittlerweile in London, Zürich, Shanghai und der Biennale in Venedig gezeigt. In ihrem Begrüßungswort schreibt sie, Rashi Johnson sei ein Meister der Synthese der wichtigsten Tendenzen innerhalb der Kunst des 21. Jahrhunderts – starke Worte.
Ich habe mir die Ausstellung angesehen und mit Noemi Beckwith gesprochen
Ein dreieinhalb Meter grosses, rostiges Fadenkreuz vor dem Haupteingang des Guggenheim Museums begrüßt die Besucher. Der Titel der Skulptur: Black Steel in the Hour of Chaos – schwarzer Stahl in Stunden des Chaos – eine Arbeit, die zufällig so wirkt, als sei sie in den vergangenen Wochen entstanden, denn seit die neue Regierung in Washington ihre Arbeit aufgenommen hat, herrscht Chaos im ganzen Land. Rashid Johnsons Arbeiten sind stets verbunden mit seinen künstlerischen, musikalischen oder literarischen Vorbildern: das rostige Material erinnert an die begehbaren Skulpturen eines Richard Serra, das Fadenkreuz an Jasper Johns´ Arbeiten während des Vietnamkriegs und an das berühmte Plattencover der Hip Hop Pioniere Public Enemy, die die Politik der Black Panther Bewegung in die Musik brachte.
Poem for Deep Thinkers
Johnson, der 1977 in Chicago geboren wurde, ist ein Vertreter der Post Black Art – einer Bewegung innerhalb der Kunst, die sich im Gegensatz zu der Black Art der 70er und 80er Jahre nicht mehr den Idealen der Bürgerrechtsbewegung verpflichtet fühlte, erklärt Kuratorin Naomi Beckwith:
Die Black Arts Bewegung war zutiefst von der Idee der Community beseelt, von der Idee, Menschen psychologisch und emotional aufzurichten, den negativen Auswirkungen des Rassismus entgegenzuwirken.
Post Black Art versteht sich als eine universellere Kunstrichtung, die sich zwar mit der Erfahrung seiner Schwarzen Protagonist*innen auseinandersetzt, aber ohne auf Kategorien wie Rasse oder Rassismus zurückzugreifen.

Cast bronze, black soap, and wax
In den Vereinigten Staaten haben wir die Tendenz, Künstler, die nicht männlich und nicht weiß sind, durch die Brille von Politik und Sozialgeschichte zu lesen. Das haben viele Künstler satt. Diese neue Generation erweitert die Kunstgeschichte um ihre spezifischen Kulturen, was sehr wichtig ist, aber sie will vor allem, dass man über ihre Kunst nachdenkt und die Materialien und die Formen, die sie benutzt, würdigt.
So benutzt Rashid Johnson Materialien, die eine besondere Bedeutung in der Schwarzen Community haben: Muscheln, schwarze Seife, Haare, eingebrannte oder tätowierte Symbole, Masken und immer wieder Sheabutter.

Rashid Johnson, Untitled (Shea Butter Table), 2016. Shea butter, Persian rug, branded walnut
In einem Film in der Ausstellung sieht man Johnson in seinem Badezimmer, wie er sich mit Sheabutter einreibt, in einem anderen, wie sein Vater, er selbst und sein Sohn am Meer stehen und sich gegenseitig die Rücken einreiben – ein intimer, für Männer ungewöhnlich fürsorglicher Moment.

Rashid Johnson, Untitled Anxious Audience, 2019 (detail). Ceramic tile, black soap, wax

Rashid Johnson, Untitled Anxious Audience, 2019. Ceramic tile, black soap, wax, © Rashid Johnson, 2025. Photo: Martin Parsekian
Die Ausstellung ist die bisher umfangreichste in Johnsons Schaffen. Sie folgt mehr oder weniger chronologisch den verschiedenen Phasen seiner bisherigen Arbeit. Von frühen Fotografien wie seinen Portraits als Menschenrechtsaktivist Frederick Douglass, bis hin zu pechschwarzen Bildern aus fliessender Seife und Wachs und grossen Spiegeln mit weissen Aufschriften wie “Run”, “Fly Away” oder “Promised Land”.
Gegen 2008 beginnt Johnson mit seinen eigentümlichen Wandinstallationen eine neue Form von dreidimensionalem Gemälde zu entwickeln, eine Mischung aus Badezimmerarmatur, Bücherregal und Wandaltar mit zerbrochenen und bemalten Spiegelkacheln, einfachen Brettern oder geschmolzene Seife als Hintergrund. Eine setzt sich mit Vaterschaft auseinander – eine Arbeit in dunklem Dielenholz mit eingebrannten Symbolen; auf den Regalen stehen Schalen aus gelber Sheabutter und ein aufgeschlagenes Buch mit der berühmten Fotografie eines schwarzen lachenden Jungen, der sich einen Revolver an die Schläfe hält.

Black soap, wax, spray enamel, shea butter, brass, vinyl records, album
covers, and wood panel

Branded red oak flooring, black soap, wax, books, branding irons, shea
butter, oyster shells, space rocks, and spray enamel

Es sei gut, dass die grossen Privatmuseen in den USA sich dem Mandat der Trump Regierung bisher nicht gebeugt hätten und nur noch weiße männliche Kunst zeigen, die Amerika verherrlichten, kommentiert Kuratorin Naomi Beckwith mit einem Augenzwinkern die Frage nach der veränderten Kulturpolitik in Washington. Auch das Guggenheim hat bereits zugesagtes Geld nicht bewilligt bekommen.
Wir haben den Grundsatz, dass wir Künstler nicht zensieren und sie das Recht auf ihre eigene Stimme haben. Es ist unsere Aufgabe, dass ihre Stimme in der Öffentlichkeit Gehör findet.
Und Rashid Johnson ist eine Stimme, die unbedingt gehört werden sollte.

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. Januar 2026 im Guggenheim New York zu sehen.