Brandon Jacobs-Jenkins neues Stück „Purpose“ am Broadway
von Andreas Robertz

Die Stücke des US-amerikanischen Dramatikers Brandon Jakobs-Jenkins handeln oft von Familiengeschichten, von Geheimnissen, die ans Licht gezerrt werden und die die sorgfältig gepflegte Fassade ins Chaos stürzen. Letzte Spielzeit war es das Stück “Appropriate” (mit “American Horror Story” Star Sarah Paulson), mit dem Jakobs-Jenkins den Tony für das beste Stück gewann. In dem Drama entdeckt eine weiße Familie im Nachlass des verstorbenen Patriarchen ein Fotoalbum mit Fotos von gelynchten Afroamerikanern. Jetzt hat sein neues Stück “Purpose” am Broadway Premiere, in dem es um eine schwarze Familie geht.
Es schneit, in wunderschönen dicken Flocken, zumindest die meiste Zeit. Brandon Jacobs-Jenkins’ neues Stück spielt während eines Schneesturms. Der setzt die junge Aziza im Haus des Jasper Clans in Chicago fest. Dabei wollte sie nur ihrem Freund Nazareth das Aufladegerät zurückgeben, das er in ihrem Auto vergessen hatte. 24 Stunden später verlässt sie desillusioniert und mit einer Schweigevereinbarung in der Tasche das Haus. Denn in der Nacht zuvor hatte Nazareth ihr seinen Samen gespendet, weil die junge lesbische Frau ein Kind haben möchte. Was sie nicht wusste ist, wer Nazareth Jasper wirklich ist. Denn seine Familie ist nicht irgendeine wohlhabende afroamerikanische Familie in Chicago. Sein Vater Salomon ist eine berühmte Ikone der Bürgerrechtsbewegung, dessen Porträt sogar in Azizas Grundschule an der Wand hing – neben all den anderen Größen Schwarzer Geschichte. Und es ist auch keine gewöhnliche Nacht, denn Nazareths Mutter Claudine feiert ihren Geburtstag.


“I’m Aziza, by the way”. “Hi.” “Hi, Aziza.” “Aziza is a friend of NAZA’s.” “Is that so? Mm-hmm.” “A special friend…” “Special junior ? What are you even talking about?”
Was Aziza noch nicht weiß: in dieser Nacht wird eine Lawine von Konflikten die Familie überrollen.
Der Schwarze amerikanische Traum
Da ist Vater Salomon, der alt geworden ist und voll bitterer Selbstgerechtigkeit gegenüber seinem ältesten Sohn Salomon Jr., der gerade aus dem Gefängnis kommt. Er hatte als Senator Gelder veruntreut. Nazareth ist ebenfalls ein Grund für Enttäuschung, denn er ist introvertiert, asexuell und verbringt seine Zeit lieber mit Naturfotografie als mit gesellschaftlichen Verpflichtungen. Dass dahinter eine psychische Erkrankung steckt, wird von Mutter Claudine ebenso verheimlicht wie die vielen Seitensprünge ihres Mannes. Und die Tatsache, dass Nazareth seinen Jasperschen Samen an eine lesbische Frau aus Harlem gespendet hat, macht aus ihrem Geburtstagsessen vollends eine innerfamiliäre Schlammschlacht.
“We are not actually dating.” “Then what are you doing?” “Oh, we’re just friends. In fact, I don’t even date men.” “What do you mean you don’t date men?” “And this is sort of where things kind of became a, I guess, nightmare.”
Die schöne Bühne besteht aus der Eingangshalle einer luxuriösen Villa mit Sitzgruppen, einer spiralförmigen Treppe in die oberen Räume, dem Esszimmer und einer beeindruckenden Galerie von Bildern von Salomon Jasper und berühmten Persönlichkeiten wie Barack Obama und Nelson Mandela.
Jede Menge geschmackvoller afrikanischer Masken und Kunstobjekte erzählen vom kulturellem Selbstverständnis der schwarzen Bourgeoise. Ein warm beleuchtetes Porträt von Martin Luther King schmückt die zentrale Wand des Hauses.
Von Blackness und Whiteness
Während Brandon Jakobs-Jenkins Drama “Appropriate” in der letzten Spielzeit von einer weissen Familie handelt, die sich ihren Verdrängungsmechanismen angesichts ihrer rassistischen Vergangenheit stellen muss, handelt Purpose von einer schwarzen Familie, die in ihrer eigenen Version des, traditionell für Weisse reservierten amerikanischen Traums lebt und dabei ihren Lebenssinn – purpose – verloren hat: Eine weisse Familie, die sich mit “Blackness” auseinandersetzen muss, eine schwarze mit “Whiteness”.
Die Korruption von Reichtum
Regisseurin Phylicia Rashad inszeniert das Stück mal als köstliche Sitcom, mal als bewegendes Melodram voller intensiver Generationenkonflikte. Im zweiten Akt überwiegen die ernsten Töne. Die Söhne werden nie an die moralische Latte des Vaters heranreichen. Die Mutter setzt alle Mittel von Erpressung bis Betrug ein, um die saubere Fassade ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Sie zwingt Aziza, eine Erklärung zu unterschreiben, die ihr verbietet, jemals den Namen des Vaters ihres Kindes zu enthüllen – die Vorsichtsmaßnahme einer durch Privilegien tief korrumpierten Familie . Aziza, die aus der Black Lives Matter Generation kommt und an die Ideale von Gleichberechtigung und Solidarität glaubt, ist schockiert. Dass Nazareth sie nicht verteidigt, bricht ihr das Herz.
Brandon Jakobs-Jenkins beschreibt eine Generation von Afroamerikanern, die sich vom kapitalistischen amerikanischen Traum hat kaufen lassen.In dem Sinne ist “Purpose” auch ein Stück nach der Suche einer neuen Hoffnung, jenseits zerstörter Ideale.