Über Mangel an Solidarität

Das Public Theater zeigt „The Ally“ von Itamar Moses über eine Debatte, die nicht mehr stattfinden darf.

von Andreas Robertz

Über Mangel an Solidarität - The Ally am Public Theater
Josh Radnor in the world premiere production of The Ally, Photo credit: Joan Marcus

In den USA sind gerade Vorwahlen und Präsident Biden hat bei den Demokraten keinen Herausforderer. Trotzdem hat er bei der Wahl in Michigan in der vergangenen Woche viel schlechter abgeschnitten als erwartet. Eine breite Koalition aus progressiven Demokraten, Black Lives Matter Aktivisten und muslimischen und jüdischen Amerikanern haben ihm die Stimme verweigert, weil sie seine uneingeschränkte militärische Unterstützung für Israel nicht mehr mittragen wollen. Eine gefährliche Situation für ihn, die auch zeigt, wie zerrissen die Menschen vom Krieg in Gaza sind. Dies trifft besonders auf die jüdischen Intellektuellen zu, die als Wähler immer fest auf der Seite der Demokraten standen. Der amerikanische Dramatiker Itamar Moses hat sich in seinem neuen Stück „The Ally“ – der Verbündete – vorgenommen, all das Unaussprechliche und Widersprüchliche im Verhältnisses der amerikanischen Juden zu Israel zu thematisieren.



Ein junger schwarzer Mann wird als Autodieb verdächtigt – und von der Polizei getötet. Er habe sich gegen die Festnahme gewehrt und nach der Waffe des Beamten gegriffen, heißt es im offiziellen Bericht. Doch ein Video straft diese Aussage Lügen, und in der kleinen Universitätsstadt an der Ostküste der USA fordern Studenten und Familie Gerechtigkeit. Ein Manifest gegen Polizeigewalt und die Unterdrückung von Minderheiten geht an der Universität herum und der beliebte progressive Professor Asaf ist bereit zu unterschreiben, wenn es nicht eine Passage gäbe, die ebenfalls eine klare Haltung gegen Israel fordert: gegen die militärische Unterstützung durch die USA wegen – Zitat – der Apartheitspolitik und dem andauernden Völkermord am palästinensischen Volk.. Asaf ist selbst Jude, seine Eltern aus Israel ausgewandert. Da fällt es ihm schon leichter die Schirmherrschaft über eine Vorlesereihe von Israel-kritischen Gelehrten zu übernehmen, um die ihn eine Gruppe palästinensischer und jüdischer Studenten bittet, weil er fest an die positive Wirkung eines offenen kritischen Dialogs glaubt – für ihn eine zutiefst jüdische Tradition. Er gerät in ein Kreuzfeuer von Argumenten und Positionen, das seine Identität und politische Überzeugung zutiefst erschüttert.

Eine getäfelte Wand wie in einem Vorlesungssaal, ein Teppich, eine Stehlampe und ein Stuhl reichen aus als Bühnenbild. Und obwohl es dem Stück an dramatischer Handlung fehlt, gibt es jede Menge Spannung. Das großartige Ensemble entwickelt große Überzeugungskraft für jeden einzelnen Akteur: Sei es der jüdische Student, der glaubt, ein kritischer Dialog öffne nur Tür und Tor für Antisemitismus; oder der palästinensische, der Punkt für Punkt die Geschichtsverdrehung und Verlogenheit israelischer Friedenspolitik auseinandernimmt. Oder die schwarze Professorin, die den politischen Aktivismus der weißen, progressiven Juden kritisiert, der immer dann versage, wenn es um Israel geht. Am Ende muss Asaf einen Weg finden, sich jenseits aller Argumente seinen eigenen inneren Ängsten zu stellen. Oder sein Herz neu zu finden: denn das,, sagt ihm ein Rabbi, ist nach jüdischem Glauben der Sitz Gottes im Menschen.

In den USA ist es durch den Krieg in Gaza wie in Deutschland zu einem erbitternden Streit gekommen, was öffentlich gesagt werden darf und was nicht. Hunderte von pro-palästinensischen Veranstaltungen wurden abgesagt, Universitätspräsidentinnen und -Präsidenten mussten abdanken und Studierende wurden als Antisemiten denunziert, wenn sie nur für einen Waffenstillstand demonstrierten. Es gibt schwarze Listen pro-israelischer Anwaltskanzleien gegen Studenten, die ähnliche Manifeste wie das im Stück unterschrieben haben und eine Israel-kritische Vorlesereihe wäre zur Zeit undenkbar.

Das Damoklesschwert des Antisemitismusvorwurfs hängt drohend auch über Kulturinstitutionen, fest zugesagte Kunstausstellungen werden abgesagt, Stipendien und Werkverträge plötzlich aufgekündigt. Vielleicht, so hofft es der Intendant des Public Theaters in seinem Vorwort im Programmheft, ist das Theater der einzige Ort, an dem noch angstfrei debattiert werden darf. Das mache es zu einem wirklich demokratischen Ort.

Dramatiker Itamar Moses zwingt sein Publikum zuzuhören, den Argumenten zu folgen und sich jenseits der eigenen Gewissheiten erschüttern zu lassen. Er zeigt dabei, wie kompliziert und schmerzhaft es ist, die verschiedenen Stimmen auszuhalten und gleichzeitig offen für das Leid anderer zu bleiben. Mit dem verzweifelten Schrei „Nichts rechtfertigt die Unterdrückung meines Volkes“, schneidet der palästinensische Student an einer Stelle des Diskurses durch den Knoten der Argumente und für einen Moment versiegen die Stimmen.

Das Stück wurde vor dem 7. Oktober geschrieben. Mehr als dreißigtausend Tote später, ist man sich nicht mehr so sicher, ob es noch darum gehen darf, wer die besseren Argumente hat. Insofern ist das undramatische Drama auch ein Plädoyer für wirkliche Empathie – auch wenn sie weh tut.

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